§ 16 Rechtsprinzipien und Rechtszweck

Wir haben es bei unserer Natur (immer noch) nicht leicht in dieser Welt, nicht leicht, wenn wir mit anderen Leuten mehr oder weniger eng zusam-men leben müssen, aber nicht leicht auch, wenn wir einsam, getrennt von anderen Leuten, die Schwierigkeiten des Lebens ohne Rat und Hilfe von ihrer Seite zu bestehen haben. Lockerer auf unserer Erde hat man in frühe-ren Zeiten, in Urzeiten, gesiedelt, man trat sich nicht so leicht nahe und zu nahe, war weniger aufeinander angewiesen, hatte weniger auch voneinander an Rat, Arbeit und Hilfe zu erwarten.

Und doch kann man sich kaum vor-stellen, daß es nicht auch schon in jenen frühen Menschheitstagen zuwei-len geschehen ist, daß sich der eine Mensch von einem anderen, oder von seiner oder einer anderen Gruppe (Familie, Sippe u. a.), oder auch daß sich eine Gruppe von einer anderen Gruppe geschädigt, ja beschädigt fühlte und – natürlich – dies nicht gerne ertrug. Zuweilen mag die Schädigung oder Beschädigung nicht schwer, zuweilen aber kann sie recht schwer, ja unerträglich für den Geschädigten oder Beschädigten, gewesen sein. Es konnte nicht ausbleiben, daß der Geschädigte oder Beschädigte sich zu wehren strebte, auf Ausgleich seines Schadens oder seiner Beschädigung bedacht war, vom Schädiger oder Beschädiger solchen Ausgleich verlangte und, falls er diesen nicht erhoffen konnte oder auch nicht abwarten wollte, auf den Schädiger bzw. Beschädiger nach Maßgabe der jeweiligen Umstän-de und Möglichkeiten nun seinerseits so oder so schädigend oder beschä-digend einschlug.

Es konnte sein, daß sich damit der Fall erledigte: der Ur-heber des Falles nahm es hin, zumal wenn er in der Affäre allein blieb, oder hatte länger die Kraft oder gar das Leben nicht mehr zu einer Fortsetzung des Hin und Her. Es konnte aber nicht weniger auch sein, daß sich der Fall nicht erledigen wollte: die Familie, die Sippe, der Stamm jenes Urhebers machte die Affäre zur eigenen Sache und zog nun mit ihrer mehrköpfigen Macht über den Zurückschlagenden ihrerseits her; falls dieser dann eben-sowenig allein blieb, standen sich schnell zwei Familien oder Sippen oder Stämme in dem tödlichen Verhältnis einer Kollektivrache, einer „Blutra-che“, gegenüber.

Oft muß dieses Verhältnis lange, über Generationen hin-weg, bestanden haben (zumal es auch eine oft begehrte Möglichkeit bot, kollektivintern hohen Ruhm für überlegene Schlauheit, Kraft und Courage zu gewinnen). Es konnte sein Ende finden, wenn eines Tages die Vernunft so erstarkte, daß sie über die Raserei obsiegte: in einer Verständigung zwi-schen den feindlichen Kollektiven – oder auch in einem Entschluß des um-fassenderen und übergeordneten Kollektivs, von sich aus, dank eigener überlegener Macht oder auch Autorität, dieser Raserei ein Ende zu ma-chen. An jenem Tag hat die Vernunft, diese möglicherweise aus Raserei und § 16 446Mord zu Frieden führende Instanz, verkörpert in den Köpfen eines überge-ordneten, betroffenen, aber nicht beteiligten Kollektivs, erstmals ihre prinzi-pielle und fundamentale Funktion ausgeübt; sie hat nicht nur menschlichen Leidenschaften, sie hat auch allem schlau berechnenden, zielverfolgenden Verstand Halt geboten und ihre menschenrettende, menschenbefreiende Weisheit dagegen gesetzt.

Aber die Vernunft hat sich damit zwei schwierige Aufgaben aufgehalst. Sie hat ihre Weisheit geltend gemacht; aber menschenrettend, menschener-lösend kann diese Weisheit doch nur werden, falls sie jene menschlichen Leidenschaften erfolgreich an weiterer Auswirkung hindert, d. h. wenn sie diese schon nicht aus der Welt schaffen kann, immerhin ihr verheerendes Wüten und Rasen im tatsächlichen äußeren Verhalten aufzuhalten vermag. Zu solchem Zweck muß sie Druck auf die Menschen ausüben, auf ihr äuße-res Verhalten (im Reden, Tun und Lassen) kontrollierenden Druck aus-üben, wirksamen Druck. Da reicht jener Druck nicht aus, der von der in der jeweiligen Gruppe gerade bestehenden Moralität auf ihre Mitglieder ausgehen mag; der ist bei aller Realität schließlich doch eher bloß von der Art einer geistigen Atmosphäre (er ist ein Stück kollektiven Geistes und nur von dessen Weise, menschliches Verhalten zu bestimmen).

Was indes nötig ist, ist ein erheblich massiverer Druck, ein Druck, der sozusagen ins Fleisch geht; es ist ja vor allem doch physische, zuweilen gröbste Schädi-gung und Beschädigung, was da verhindert, wovor abgeschreckt werden muß. So hat sich denn die Vernunft danach umzusehen, wie sie Macht ge-nug haben kann, um erfolgreichen Druck auf äußeres Verhalten ausüben zu können; diese Macht muß in der Lage sein, in einem bestimmten (auch beschränkten) Sinn, in diesem aber tatsächlich, Zwang auszuüben.

Sich in diesem Sinn in einer Zwangsinstitution zu konkretisieren, ist die erste der zwei fundamentalen Aufgaben, die sich die Vernunft aufgehalst hat; die Zwangsinstitution nun, in der sich die Vernunft bei ihrem Versuche, Men-schen zu retten, Menschen zu befreien, konkretisiert, ist das über alle herr-schende Recht. Man sieht sofort, wie viele und wie schwierige Teilaufgaben der Vernunft mit dieser ihrer ersten Fundamentalaufgabe erwachsen.

Das allererste, was sie diesbezüglich zu tun hat, ist die eindeutige, allgemein zugängliche, an jedermann adressierte Bekanntgabe jener Weisen von Menschenschädigung und Menschenbeschädigung, gegen die sie mit Druck und Zwang vorzuge-hen entschlossen ist, zusammen sogleich mit der Bekanntgabe auch der Druck- und Zwangsmittel, die sie gegen jene üblen und unerträglichen Weisen des Verhaltens aufbieten will.

So ist sie zur Schaffung eines dem Volke so oder so (am besten in schriftlicher Form) bekannten Strafgesetzes veranlaßt; das erste Druckmoment am Strafgesetz ist die mit diesem Straf-gesetz gegebene Strafandrohung: die Strafgesetze sollen und wollen ein-schüchternd und abschreckend auf einen (durchschnittlichen) potentiellen Übeltäter wirken. Aber sie sind bekanntlich nicht in der Lage, Straftaten