Amazon frisst uns mit Haut und Haar

Überwachung, Knebelverträge, Erpressung: Die sehenswerte Arte-Dokumentation „Auslaufmodell Supermarkt?“ zeigt, wie erbarmungslos Konzerne den Lebensmittelhandel prägen.

Eine junge Chinesin scannt in einem Pekinger Supermarkt jedes einzelne Produkt, das sie in ihren Einkaufswagen legt. Ohne ihr Handy wäre die makellos gestylte Frau beim Einkaufen verloren.
Während hierzulande Kassierer- und Kassiererinnen noch die Regel sind, der Begriff Smart aus einer fernen Welt zu kommen scheint und man sperrige Einkaufswagen durch die Gänge von Rewe, ­Aldi, Lidl und Edeka bugsiert, erobert in China und in Amerika die Digitalisierung den Supermarkt.

Hypervernetzte, wohlhabende Kunden

Geliefert wird über das autonom fahrende Elektrofahrzeug, das mehrere Kunden hintereinander ansteuern kann. In Amerika heißt der größte Player bekanntlich Amazon, jenes nimmersatte Unternehmen, das angetreten ist, seine Kunden mit sämtlichen wichtigen Gütern zu versorgen sowie maximal zu durchleuchten. Bereits ein Jahr früher hatte Amazon in Seattle den ersten mit einer Just-Walk-Out-Technologie ausgestatteten Laden eröffnet, der die Kunden mit dem Versprechen der Effizienz lockt.

Amazon will alles über uns wissen

Inzwischen existieren in Amerika 28 solcher Geschäfte, wobei Brittain Laid, ehemaliger Amazon-Strategieberater, davon ausgeht, dass der Internetriese bis 2030 ein Filialnetz von bis zu 3000 Supermärkten unterhalten wird.

Die schwächere erste Hälfte der Arte-Dokumentation konzentriert sich auf Frankreichs Handelskonzern Carrefour und dessen brutale, bisweilen erpresserische Praktiken gegenüber Franchise-Nehmern und Lieferanten, die zu immer schmerzhafteren Preiszugeständnissen gezwungen werden, weil ihre Produkte ansonsten schlicht aus dem Sortiment fliegen. Ein ehemaliger Justiziar von Carrefour spricht von «zerstörerischen Auswirkungen» auf das ganze System.
Der Gigant baut deshalb beispielsweise Gemüse in nährstoffreicher Flüssigkeit an, ganz ohne Erde, da die traditionelle Landwirtschaft zu ineffizient und teuer ist.

https://www.arte.tv/de/videos/095178-000-A/auslaufmodell-supermarkt/

Im März hat Amazon seinen ersten kassenlosen und mit zahlreichen Kameras ausgestatteten Supermarkt unter dem Namen „Amazon Fresh“ in London eröffnet. Dass weitere Filialen europaweit folgen, ist nur eine Frage der Zeit. Außer Frage indes steht, dass Amazon seine Datensammelwut intensivieren wird, denn willige Kunden gibt es schließlich genug.