Beweggründe

Die Beweggründe, sich für eine Körpermodifikation zu entscheiden, sind vielfältig. Wohlrab et al. haben diese in zehn Unterkategorien zusammengefasst: Schönheit, Kunst & Mode, Individualität, ein persönliches Narrativ, Gruppenzugehörigkeit und Ver­pflichtung, Widerstand, Spiritualität und kulturelle Tradition, physische Ausdauer, Sucht, sexuelle Motivation und als letztes noch der Punkt, dass kein besonderer Grund für die Modifikation vorlag. Häufig greifen mehrere dieser Gründe gleichzeitig bei der Entscheidung (vgl. Pöhlmann et al. 2014, 9 ff.). Im Folgenden soll auf einige der ge­nannten Kategorien eingegangen werden.

Zunächst sind erneut die teils Jahrtausende langen Traditionen einiger Völker zu nen­nen, bei denen Tätowierungen fest zur Kultur gehören und Bestandteil von Ritualen sind (vgl. ebd., 2). Für die Menschen dieser Völker sind die Tätowierungen also Norma­lität, weil sie schon mit der Anwendung von Body Modification großgeworden sind. Diese können, wie schon in Kapitel 2.1 angeklungen, z.B. Lebensereignisse wie Hoch­zeiten oder Schwangerschaften ausdrücken. Darüber hinaus war es üblich, dass Jugend­liche ihre erste Körpermodifikation erhielten, wenn sie in die Erwachsenenwelt inte­griert wurden (vgl. Trattner 2008, 41). Im westlichen Raum spielt die Adoleszenz eben­falls eine ausschlaggebende Rolle bei der Entscheidung für eine Körpermodifikation. Allerdings sind es hier weniger kulturelle und spirituelle Gründe, sondern vielmehr ist der Abnabelungsprozess von den Eltern oder der Widerstand gegen die Gesellschaft, sowie das Bedürfnis nach Autonomie, zu nennen. Kleidung und Körperschmuck sind hierbei effektive Mittel, um die Protesthaltung auszudrücken. (vgl. Pezzoli 2013, 47 f.). Doch nicht nur die Übergangsphase zwischen Adoleszenz und Erwachsensein kann zu der Entscheidung für Body Modification führen, sondern auch das Abschließen eines Lebensabschnitts ganz gleich welchen Alters. Der Wunsch nach einem Neubeginn wird dadurch symbolisiert (vgl. Trattner 2008, 41).

In dem Zeitraum der Adoleszenz wird der Körper viel bewusster wahrgenommen und betrachtet. Bewertungen von Gleichaltrigen hinsichtlich der körperlichen Veränderun­gen werden fortan stärker gewichtet (vgl. ebd., 13). Die freie Wahl, wie der Körper ge­staltet werden soll, führt zu einer Identitätskonstruktion. Gleichzeitig kann es aber auch den Drang ausdrücken eigene Identitätsdefizite durch die Body Modification zu kom­pensieren (vgl. Pöhlmann et al. 2014, 11). Die Modifizierung kann daher für manche als Mutprobe angesehen werden, die sich selbst beweisen wollen, dass sie den Schmerz und das intensive Körpererleben durchstehen können (vgl. Trattner 2008, 85 f.). Dieser Be­weis kann das Gefühl, eine persönliche Identität aufzubauen, steigern (vgl. Kasten 2006, 235) und Defizite wie Schüchternheit oder mangelndes Selbstvertrauen lindern (vgl. Trattner 2008, 87). Durch die jeweilige Körpermodifizierung ist es möglich ein eigenes, neues Erscheinungsbild zu kreieren, welches in die Welt hinausgetragen werden soll (vgl. Lobstädt 2005, 166).

Neben der Identitätsbildung kann Body Modification aber auch eine Form von Selbst­therapie nach traumatischen Erlebnissen sein (vgl. Kasten o.J.). Die Kunden suchen in dem Schmerz der Behandlung eine Linderung ihrer inneren Schmerzen. Oft stellt sich dabei aber kein langfristiger Erfolg ein. Stattdessen besteht das erhöhte Risiko, dass sich die Modifikationen zu einer Art Sucht entwickeln und immer neue Schmerzgrenzen im Anschluss ausgetestet werden (vgl. Pöhlmann et al. 2014, 13).

Die Körpermodifizierung als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe hat stark ab­genommen, da Tätowierungen und Piercings heute kein Medium für die Gegenkultur mehr darstellen. In den 1960er und 1970er Jahren konnte dieser Fall aber häufig beo­bachtet werden, sei es bei Hippies, Biker-Gangs oder Gefangenen, die sich ihren Status oder ihr Strafmaß tätowieren ließen (vgl. ebd., 2). Sowohl bei Tätowierungen als auch bei Piercings ist der Punkt der Gruppenzugehörigkeit für Männer entscheidender als für Frauen. Für Frauen steht der Schönheitsaspekt, den sie sich durch die Veränderung des Körpers versprechen, im Vordergrund (vgl. ebd., 11; vgl. May/Kohnen 2006, 12). Heutzutage geht der Trend bei der Tätowierung eher dahin, sich jene stechen zu lassen, die nur eine Bedeutung für einen selbst haben und nicht für irgendwelche Gruppen (vgl. Pöhlmann et al. 2014, 3). Gerade im Jugendalter nimmt die Bedeutung des Aussehens zu und ist die Voraussetzung für soziale Akzeptanz (vgl. Trattner 2008, 85). Daher wird eine Annäherung an die bestehenden Schönheitsnormen erwartet (vgl. ebd., 13). Längst haben das Fernsehen und die Werbung den Trend zu Tätowierungen erkannt und versu­chen diesen für sich zu nutzen. Das Fernsehen, indem es beispielsweise Shows wie Mi­ami Ink ausstrahlt, in denen die Arbeit in einem Tattoostudio gezeigt wird, die Werbung dadurch, dass Tätowierungen bzw. tätowierte Menschen bewusst eingesetzt werden, um ein bestimmtes Projekt zu bewerben (vgl. Lobstädt 2005, 204 ff.). Tätowierungen sind somit in der Unterhaltungsbranche angekommen (vgl. Eberhard 2012, 17). Viele Täto­wierungen können daher ausschließlich als reines Modeaccessoire ohne tiefere Bedeu­tung angesehen werden, um den momentanen Schönheitsnormen zu entsprechen (vgl. Pöhlmann et al. 2014, 3).

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