Eine Subkultur sucht den Schmerz

Brandwunden, großflächige Schnitte, Implantate unter der Haut – „Body Modification“ (Körpermodifikation) nennt die Szene ihre Kunst, die Sozialpsychologen an primitive Kulte erinnert, bei Medizinern dagegen nur schieres Entsetzen auslöst

Der Kölner Kriminalbiologe Mark Benecke hat den Trend in den USA untersucht und sieht die vergleichsweise neue Jugendsubkultur sich auch in Mitteleuropa etablieren. Angehörige dieser Bewegung, die „Bodmods“, scheinen vor keinem noch so gefährlichen Eingriffen zurückzuschrecken.

Einige lassen sich nach Beneckes Angaben an Fleischhaken aufhängen, die Haut vom Leibe reißen, 150 Nadeln in die Haut stecken und (in seltenen Fällen) sogar Löcher in die Schädeldecke bohren. Betäubt wird dabei meist nur lokal oder gar nicht. Ein bekanntes Beispiel für Body Modification ist der amerikanische „Eidechsen-Mann“ Erik Sprague, der sich die Zunge spalten, die Zähne spitzen ließ und mit seinen Tätowierungen und Teflon-Implantaten wie eine Science-Fiction-Gestalt aussieht.

Die Deutsche Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirugie kämpft erbittert gegen die gefährlichen Eingriffe am eigenen Körper und sieht sie als „widernatürliche, perverse Zeiterscheinungen“, wie es Generalsekretär Hans Rudolph formuliert. Bodmods hingegen interpretieren sie als Kunstwerk oder Ausdruck persönlicher Freiheit, meint Benecke. Menschen wie „Lizardman“ Sprague seien „ganz normale Leute“. Anthropologe Steve Mizrach sieht Body Modification als Teil der „Modernen Primitives“ (so viel wie Moderne Wilde), eine Bewegung die – vereinfacht gesagt – nach Gefühlen und Erfahrungen sucht, die es in der industrialisierten Welt nicht mehr gibt.Anzeige

Erklärungen, die „Bodmods“ seien psychisch krank, greifen daher zu kurz, denn dann müsste dies auch für viele Phänomene bei Naturvölkern gelten, wie zum Beispiel für die Tellerlippen bei den Sara in Zentral-Afrika oder für die Penis-Perforation, die bei den Maya dokumentiert ist. Und in der „Encyclopedia Britannica“ sind unter „Body Modification“ auch von der westlichen Gesellschaft akzeptierte Eingriffe wie Beschneidung und Silikonbusen-Implantate genannt – wobei diese allerdings meist von Medizinern durchgeführt werden. Sogar der „Schmiss“ des Burschenschaftlers, jene Narbe vom Fechten in studentischen Verbindungen, ließe sich dazu zählen. 

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