Cannabis-Legalisierung – kein Ausweg aus der Sucht

Drogenabhängige warten teilweise Monate auf einen Platz für eine Langzeittherapie. Ausgerechnet in dieser Lage will die Regierung Cannabis legalisieren. Recherchen des ARD-Politikmagazins „report München“ zeigen, was das bedeutet.

Mit solchen Texten schafft man falsche Bilder

Am Anfang kiffte Leon nur, er hielt es für ungefährlich. Dazu kam eine Depression. Dann besorgte er sich auf dem Schwarzmarkt stark süchtig machende Opiate in Tablettenform, vor allem Oxycodon. Er rutschte immer tiefer in die Sucht. Heute weiß er, dass diese bereits mit Cannabis begann: „Es gibt keine körperlichen Symptome, aber die psychische Abhängigkeit ist auf jeden Fall vorhanden und es kann die Psyche stören.“

Was macht wirklich abhängig? Cannabis, Tabak oder die Umwelt

Es kommt immer auf das Umfeld und die Umstände an, in denen Menschen psychisch erkranken. Hätte Leon diese Probleme entwickelt, wenn es keine Stigmatisierung und eine engermaschige ärztliche Betreuung gäbe?

Das bestimmte Substanzen einerseits etwas verbessern, oder auch verschlechtern können zweifelt niemand an. Doch was ist das richtige Maß für einen gesunden Konsum?

Lange Wartezeiten auf Platz in der Langzeittherapie

Leon hat im Sommer mehrere Wochen auf einer ambulanten Entgiftungsstation verbracht. Ein erster Schritt. Aber um clean zu bleiben, braucht er einen Platz in einer Langzeittherapie. Es gibt – je nach Region – in Deutschland jedoch viel zu wenige Plätze.

Betroffene und Suchtexperten bestätigen uns gegenüber Wartezeiten von mehreren Monaten bis zu einem Jahr für einen Platz in einem Langzeitentzug oder bei einer Psychotherapie für Drogensüchtige. Die Deutsche Rentenversicherung nennt eine durchschnittliche Wartezeit von 70 Tagen für einen Langzeit-Entzugsplatz – mehr als zwei Monate. Für Süchtige ist das eine unfassbar lange Zeit. Suchtarzt Henrik Rohner von der Uniklinik Bonn bestätigt: Die langen Wartezeiten seien für Suchtpatienten gefährlich, denn nach der Entgiftung lägen die „Rückfallquoten im 90-prozentigen Bereich“.

Menschen die Therapie bedarf haben haben andere Probleme auser Drogen.

Wer den ganzen Tag von Klein an nur Zigaretten raucht oder Alkohol trinkt, kann seinem Körper damit schaden. Von Krebs bis hin zur Leberzirrhose zerstören die beiden Substanzen den Körper. Das stört anscheinend niemanden und die Krankenkassen übernehmen die Kosten. Aber was ist mit anderen Drogen, da ist man gleich Süchtig und Abhängig? Oder ist das ist falsch?

Forderungen nach besserer Hilfe für Drogenkranke

Betroffene und Suchtexperten fordern nun mehr Hilfe für Drogenkranke. Gabriele Ketterl hat Anfang dieses Jahres ihren 21-jährigen Sohn Daniel verloren. Er starb an einer Überdosis. In seinem Blut: Heroin, Kokain und andere Substanzen. Auch Daniel hat mit Cannabis begonnen. Als die Mutter von seiner Sucht erfuhr, versuchte sie, ihrem Sohn zu helfen. Sie habe 25 Suchtkliniken angeschrieben, aber nur Absagen bekommen: „Wenn der rechtzeitig in einen Langzeitentzug gekommen wäre, hätte er vor allem zum Schluss gerettet werden können“, meint Gabriele Ketterl. Sie gibt dem Staat eine Mitverantwortung für den Tod ihres Sohnes.

Fixpunkt und weitere Hilfeeinrichtungen für Drogenkonsumenten im erschwerten Umfeld

Damals war die Aufklärung über Drogen noch anders. Eltern warnten von den Folgen von Tabak und Alkohol, doch als gutes Beispiel gingen Sie nie voran.

Jetzt erzählt man den Leuten wieder Geschichten, wie zur zeit der Drogenprohibition. Alles sei ganz Schlimm und würde zur Verletztung sich selbst oder gar anderer Personen führen.

Jeder ist individuell und reagiert auch anders auf Drogen.

Problematisch ist eher, dass der Konsum von Tabak und Alkohol gestiegen ist im Verhältniss zu anderen Drogen, darunter auch Cannabis. Die Regierung möchte das Erwachsene ihren Konsum in einem sicheren Umfeld wahrnehmen können.

Lauterbach: Drogenpolitik vergangener Jahre gescheitert

Nun will die Regierung Cannabis legalisieren – die Droge, die für Leon und Daniel der Einstieg in die Sucht war. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) erklärt die Drogenpolitik der vergangenen Jahre für gescheitert, man habe „keine wirklich vorzeigbaren Erfolge in den letzten Jahren erzielen können“.

Lauterbach setzt nun auf einen Neuanfang in der Drogenpolitik, indem Cannabis kontrolliert abgegeben werde. Aber geht es in dem neuen Gesetz auch um eine verbesserte Hilfe für Suchtkranke? Mehrfache Interviewanfragen des ARD-Politikmagazins „report München“ beim Bundesdrogenbeauftragten Burkhard Blienert und bei Bundesgesundheitsminister Karl Lautermach wurden abgelehnt. Schriftlich teilt das Ministerium mit, „Fragen zu Reha, Behandlung oder Suchthilfe“ seien „nicht Bestandteil des geplanten Gesetzes“.

Steigende Konsumentenzahlen

Dabei hat sich die Zahl der Drogentoten in den letzten zehn Jahren verdoppelt, dies belegen die Jahresberichte des Bundeskriminalamtes zur Rauschgiftkriminalität. Trauriger Rekord: Letztes Jahr starben nach Angaben des Bundesdrogenbeauftragten 1.826 Menschen an ihrer Sucht. Der Drogen-Konsum steigt stetig – leicht bei den harten Drogen und massiv bei Cannabis: Mehr als die Hälfte der über 18- bis 25-Jährigen haben Cannabis schon einmal konsumiert, ein Viertel nimmt es auch öfter. So das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Kommt das von der Regierung verabschiedete Eckpunktepapier für die Cannabis-Legalisierung durch das Parlament, wären künftig der Besitz und der Erwerb von bis zu 30 Gramm Hasch legal, bei allen Menschen über 18.

Falsche Angst macherein – Die Zahl der Drogentoten

Alleine in der Zeit von Corona ist viel mehr Alkohol getrunken worden als davor. Auch nach Corona überschätzen sich junge Leute viel mehr bei dem Thema Alkohol als bei Kokain oder Cannabis.

Das heißt der Menschen egal wie jung oder alt, rennt nicht gleich los und gefährdet sich mit Substanzen. Nein, eher liegt das Problem in der Aufklärung von Alkohol – wie schnell auch der Genuss zur einer Abhängigkeit führen kann. Anders als bei Cannabis THC oder CBD.

Mediziner kritisieren das geplante Cannabis-Legalisierungsgesetz

Kinder- und Jugendärzte, aber auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde sehen das Gesetz besonders für junge Erwachsene kritisch. Cannabis verändere bei jungen Menschen die Gehirnstruktur, warnt Vorstandsmitglied Iris Hauth, Ärztliche Direktorin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses in Berlin-Weißensee.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie rät, Cannabis erst für Menschen ab 21 Jahren freizugeben, denn gerade bei jungen Leuten habe Cannabis ein höheres Risiko, Abhängigkeiten zu erzeugen. „Bis zu 17 Prozent der jungen Leute werden abhängig. Und das sind möglicherweise auch junge Leute, die später zu härteren Drogen wie Heroin und Kokain greifen“, sagt Iris Hauth, ärztliche Direktorin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee.

Alexianer St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Weißensee

Ich war dort selber. Die Psychologen reden einen ein, wie schlimm Cannabis ist und wie man doch dadurch andere Personen gefährdet. Bei einer psychischen Krankheit aufgrund Lebensumstände wird einem gleich erzählt, dass man ja eine Sucht habe, obwohl man wegen Platzangst oder Klaustophobie dort ist.

Jeder ist individuell, ob nun mit oder ohne Drogen, doch wenn einem auf Drogen plötzlich das Leben unter den Füßen weggerissen wird, dann landen viele nicht aufgrund von Drogen in einer Depression, sondern der aktuellen Lebenslage!

Lauterbach bestätigt „Unterangebot für Menschen mit Drogenproblemen“

Auf einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche hakt „report München“ bei Gesundheitsminister Lauterbach persönlich nach – Was plant die Bundesregierung, um die Kapazitäten in Suchtkliniken zu erhöhen? Er bestätigt ein „Unterangebot“ an Therapieplätzen für Drogenkranke und verspricht ein neues Gesetz: „Da wird es eine Lösung geben.“ Er werde sie zu gegebener Zeit vorstellen. Was das konkret bedeutet, dazu nennt der Minister noch keine Details.

Unsere Meinung

Schon lange sollte es Drugchecking in Berlin geben. Schon lange sollten Einrichtungen wie Eclipse, Fixpunkt und Co vom Stadt Geld erhalten, um Menschen zu helfen. Dies alles ist nicht geschehen. Im Gegenteil hatte der damalige CDU-geführte Senat eine dämliche, punktuelle Anti-Kifferkampagne für 500.000 Euro rausgeworfen.

Staatliche Hilfe-Einrichtungen und nicht staatliche Einrichtungen

Die bestehenden nicht-staatlichen Einrichtungen müssen sich über Spenden oder Hilfsorganisationen helfen lassen, um anderen zu helfen. Anders bei staatlich unterstützen Einrichtungen. Das zahlt der Stadt gerne, wie bei Vivantes oder Caritas.

Und diese Einrichtungen sind nicht geschult, was das Thema Drogen angeht, außer Alkohol und Tabak.

Darum befürwortet ein Bremer Suchtmediziner die Cannabis-Legalisierung

Das Eckpunktepapier vom Bundesgesundheitsamt zur Cannabis-Legalisierung hat das Thema einmal mehr in die öffentliche Debatte gebracht. Das Bundeskabinett hat den Vorschlag einer Legalisierung von Cannabis unter Bedingungen zwar beschlossen, aber es gibt noch viele Hürden und es bleibt zunächst unklar, ob Cannabis als Genussmittel wirklich erlaubt werden wird. Aus begründetem Interesse haben Befürworter und Gegner ihre Argumente in den letzten Tagen erneuert. Wir klären wichtige Fragen rund um das Thema Cannabis.

Wie argumentieren Befürworter der Legalisierung?

Die Bremer Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther von den Grünen ist Psychiaterin und Psychotherapeutin und hat sich auf Bundesebene immer wieder klar für die Legalisierung positioniert. Sie hält Verbote für den falschen Umgang mit Cannabis:

„Die Zahl der Konsumierenden wächst unter den aktuell noch geltenden Bedingungen der Verbotspolitik. Gleichzeitig haben Betroffene Angst vor Kriminalisierung, wenn sie sich Hilfe suchen möchten und erreichen darum oft erst spät oder gar nicht die Hilfsangebote.“

Durch die Legalisierung könnten Betroffene also auch mehr Hilfsangebote annehmen, weil sie keine Strafverfolgung fürchten müssten – so die Argumentation.

Sie sieht für Kinder und Jugendliche bei einer Legalisierung einen stärkeren Schutz, sofern die Geschäfte den Kauf erst ab 18 Jahren ermöglichen und der Schwarzmarkt keine Gefahr mehr wegen unkontrollierter Inhaltsstoffe darstellt. Hier seien die gesundheitlichen Risiken durch Streckmittel und Zusammensetzungen der Inhaltsstoffe besonders gefährlich.

„Insbesondere die synthetischen Cannabinoide bergen große Gesundheitsgefahren, unter anderem auch die Gefahr, ein Trigger für eine psychotische Entwicklung zu sein“, sagt Kappert-Gonther.

Was sagen Gegner der Cannabis-Legalisierung?

Gegner der Cannabis-Legalisierung gibt es auch im Gesundheitswesen und in der Politik. Kritik an dem Vorhaben der Bundesregierung kommt beispielsweise von der Bremer CDU. Gegenüber buten un binnen erklärte Heiko Strohmann, CDU-Vorsitzender in der Bürgerschaft, dass er dem Kabinettsbeschluss skeptisch gegenüber steht. Es sei fraglich, ob der staatlich regulierte Anbau von Cannabis den Bedarf decken könne, wenn es erst mal im freien Verkauf ist, so der Fraktionsvorsitzende.

Auch das Thema Jugendschutz ist für Strohmann nicht ausreichend geklärt. Man müsse sehen, wie man mit den jungen Menschen ins Gespräch darüber kommen könnte, weil gerade die konsumierte Menge bei Cannabis entscheidend sei. Laut dem CDU-Fraktionsvorsitzenden sei Cannabis eine Einstiegsdroge für harte Drogen wie Heroin oder Kokain.

Zuletzt hatte sich auch Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, gegen die Cannabis-Legalisierung geäußert. Besonders vor dem 25. Lebensjahr sei das Gehirn noch nicht ausgereift und es könne zu irreparablen Hirnschäden kommen.

Der Bund deutscher Kriminalbeamter (BDK) befürwortet zwar laut Tagesschau die Entkriminalisierung der Betroffenen, allerdings äußert der Vorsitzende Dirk Peglow auch Bedenken: Der legale Erwerb für Erwachsene könnte dafür sorgen, dass sich der illegale Handel nun besonders auf Kinder und Jugendliche fokussiert. Außerdem seien diverse Regelungen schwer zu kontrollieren – wie zum Beispiel sicher zu stellen, dass beim Eigenanbau Kinder und Jugendliche keinen Zugang zu den Pflanzen haben.

Welche Folgen hat Cannabis-Konsum oder kann der Konsum haben?

Auch wenn Befürworter der Legalisierung häufig auf die im Vergleich zu anderen Drogen geringen Folgen hinweisen, sollten diese dennoch nicht unterschätzt werden. „Cannabis hat gesundheitliche Risiken“, sagt Dr. Martin Zinkler, Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie, zu der auch die Abteilung Suchtmedizin gehört, im Klinikum Bremen-Ost. Das seien Abhängigkeit, Auslösung von Psychosen und in Verbindung mit Tabak die gesundheitlichen Risiken des Rauchens. Auch wenn man im Einzelfall nicht wissen könne, ob diese Person nicht ohnehin eine Psychose bekommen hätte oder andere Faktoren wie Stress oder traumatische Erlebnisse maßgeblich waren.

Auch wenn Befürworter der Legalisierung betonen, dass es sich „nur“ um eine psychische Abhängigkeit handelt, ist dieses Argument für den Psychiater nicht relevant. Die Sucht ist für Betroffene und Angehörige nämlich dennoch eine starke Belastung: „Die Abhängigkeit kann unterschiedliche Ausmaße und Formen annehmen“, sagt Zinkler weiter. Besonders schwerwiegend sei die Vernachlässigung von Lebensinhalten wie Familie, Partnerschaft, Arbeit, Freundschaften zugunsten des Konsums der Substanz. „Die Unterscheidung zwischen körperlichen und psychischen Entzugserscheinungen ist nicht so wichtig, denn entscheidend ist doch, wie schwer der Entzug ist.“

Wie begründet der Bremer Suchtmediziner eine Legalisierung trotz der massiven Folgen?

Bei den erwiesenen Folgen müsste man meinen, dass gerade Fachärzte sich gegen die Legalisierung aussprechen. Doch so wie die Psychiaterin und Bundestagsabgeordnete Kappert-Gonther argumentiert auch der Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie Kindler: „Besonders gefährlich sind synthetische Cannabinoide, wie sie auf dem Schwarzmarkt zu erhalten sind“, sagt er. Und den Schäden, die dadurch entstehen, könnte durch kontrollierten Anbau dann entgegengewirkt werden. Dass durch die Legalisierung nun mehr konsumiert werden würde – was für Zinkler der zu befürchtende Nachteil wäre – erwartet er bei der schon jetzt weiten Verbreitung und den gut bekannten Wirkungen nicht: „Cannabis ist keine Wunderdroge, die dann alle plötzlich nehmen wollen.“