Dschihadismus und Drogen – ein Mittel, um dem Feind zu schaden

Julia Ley: Alkohol, illegaler Sex, Drogen – all das ist in den meisten islamischen Bewegungen strengstens verboten. Trotzdem liest man immer wieder von Dschihadisten mit einer Vorgeschichte des Drogenkonsums. So soll der Attentäter Anis Amri vom Breitscheidplatz kurz vor seiner Aktion Drogen genommen haben. Warum das so ist, spreche ich jetzt mit der Islamwissenschaftlerin Britt Ziolkowski vom Verfassungsschutz Baden-Württemberg. Frau Ziolkowski, ist Anis Amri außergewöhnlich oder normal? Britt Tsiolkovsky: Auch nicht. Anis Amri ist weder die Ausnahme noch die Norm. Es ist wichtig zu beachten, dass nicht jeder Salafist – Anis Amri war in seinem früheren Leben ein Salafist – drogenabhängig ist. Der Prozess der Radikalisierung unterscheidet sich sehr, sehr von der Biografie der Salafisten. Aber tatsächlich begegnen uns in der salafistischen Szene immer wieder Menschen mit einer Vorgeschichte von Drogenmissbrauch.

Drogen und Salafismus: Kompensation von Defiziten

Ley: Sie haben sich viel mit dem Radikalisierungsprozess und der Biografie der Mudschaheddin beschäftigt. Vielleicht können Sie für uns noch einmal ein Umfeld zeichnen: Was sind das für Menschen und wie unterscheiden sich ihre Lebensläufe? Tsiolkovsky: Zunächst einmal ist es wichtig, noch einmal festzuhalten, dass in der Forschung grundsätzlich Konsens besteht, dass Radikalisierung im Kontext des Salafismus kein Umweltthema ist. Radikalisierte Menschen kommen also aus allen Gesellschaftsschichten. Sie können einen Migrationshintergrund haben oder auch nicht, sie sind Aussteiger oder sogar Wissenschaftler.

Wir haben es also mit sehr, sehr unterschiedlichen Biografien zu tun. Was den Lebenslauf jedoch verbindet, ist die Konstellation, die dazu führt, dass sich die Betroffenen frustriert und entfremdet fühlen, das heißt, die Menschen fühlen sich den beiden Bereichen Familie, Gesellschaft oder gar diesen beiden Bereichen nicht zugehörig. Letztendlich suchen all diese Menschen eine Gemeinschaft und eine positive Identität.