Seit Anbeginn der menschlichen Existenz besteht Interesse daran, seinen Körper zu ver­ändern oder zu verschönern (vgl. Eberhard 2012, 16). Schmuck spielte hierbei schon immer eine entscheidende Rolle und lässt sich in allen Kulturkreisen vorfinden (vgl. Trattner 2008, 85). Piercings sind seit mehreren tausend Jahren vor allem ein wichtiges Utensil bei unbekleideten Naturvölkern in Afrika, auf den Pazifik-Inseln oder aber auch in Indianerstämmen sowie bei indigenen Völkern in Australien und Afrika. Sie dienen dort zur Verschönerung des Körpers. Doch auch bei den alten Ägyptern und Römern war ein Auftreten von Piercings nicht unüblich, hauptsächlich in Form der Dehnung ihrer Ohrläppchen (vgl. Kasten/Wessel 2014, 21). Tätowierungen haben eine ähnlich lange Geschichte vorzuweisen und kommen seit tausenden von Jahren überall auf der Welt und in den unterschiedlichsten Kulturkreisen vor. Entstanden ist der Begriff Tattoo in Polynesien, wo er so viel bedeutet wie „das Bemalen des Körpers mit einem Tatau“ (vgl. Pöhlmann et al. 2014, 1). Noch heute verzichten viele pazifische Naturvölker auf die technischen Möglichkeiten einer Tätowiermaschine und kreieren stattdessen die Tätowierung, wie vor tausenden von Jahren, klassisch mithilfe von Nadeln, spitzen Stöcken und ähnlichen Utensilien. Eine Ausnahme bilden die Maori, die seit den 1980er Jahren öfter auf moderne Techniken zurückgreifen. Während bei den Maori die soge­nannten Mokos, also die Hautzeichen, darüber Auskunft geben, welchen Rang bspw. die entsprechende Person in der Ordnung hat, halten andere Naturvölker bestimmte Le­bensereignisse, wie Schwangerschaften oder Hochzeiten, auf ihren Körpern fest. Dar­über hinaus wurden Körpermodifikationen oft auch als Blutopfer für die Götter angese­hen, durch die den Menschen Schutz vor Krankheiten und bösen Geistern gewährt wer­den sollte (vgl. Sawyer 2007, 14 f.; Kasten/Wessel 2014, 26; Trattner 2008, 88; Meier 2010, 16). Das älteste Beispiel für Tätowierungen lieferte der Fund des rund 5300 Jahre alten Ötzis im Jahre 1991. Der Körper von Ötzi wies insgesamt 57 Tätowierungen auf. Beim Fund wurde zusätzlich eine Tätowiernadel an seinem Körper gefunden (vgl. Mei­er 2010, 17).

In der westlichen Welt spielten Körpermodifikationen zunächst eine untergeordnete Rolle. Zudem waren diese meist negativ konnotiert, hierbei insbesondere Tätowierun­gen (vgl. Honisch 2012, 23). Diese wurden als etwas Primitives angesehen und als et­was, was nur Unruhestifter freiwillig tragen würden. Es sei ein Zeichen für die Beein­trächtigung der gesunden Entwicklung des Individuums (vgl. ebd., 32). Berühmt ge­macht hat die Tätowierungen erst der Weltumsegler James Cook Ende des 18. Jahrhun­derts, als er von seiner Tahiti-Reise zurückkehrte und einige seiner Crewmitglieder ihre Tätowierungen, die sie dort erhielten, präsentierten. Dies löste einen Boom unter den Seefahrern aus, sodass immer mehr von ihnen mit diesen klassischen Tätowierungen von ihren Reisen zurückkehrten. Bis dahin wurden Tätowierungen und Brandings nur dazu genutzt, um die Identität und den Beruf von Menschen festzustellen, so z.B. bei den Soldaten in Griechenland und dem Römischen Reich (vgl. Pöhlmann et al. 2014, 1 f.; Kasten 2006, 235). In Frankreich wiederum wurden Kleinkriminelle jeweils mit ei­nem Buchstaben gebrandmarkt, der für ihr jeweiliges Delikt stand, z.B. „v“ für „voleur“, also Dieb (vgl. Sawyer 2007, 13). Diese Vorgehensweise lässt sich ebenfalls noch im 20. Jahrhundert erkennen, beispielsweise im Zweiten Weltkrieg, als die Gefan­genen entsprechend gekennzeichnet wurden und ihren Status als Individuum somit auf­geben mussten. Mitte des 19. Jahrhunderts ließ sich aber auch eine Zunahme an freiwil­ligen Tattoos in der Gesellschaft erkennen. Begünstigt wurde dies durch die Erfindung der Tätowiermaschine von Samuel O’Reilly im Jahre 1891 (vgl. Pöhlmann et al. 2014, 1 f.). Zur gleichen Zeit entwickelten sich vornehmlich in den USA zur Blütezeit der Kirmes- und Zirkusära von 1880-1920 auch so genannte Freakshows, in denen Täto­wierte vorgeführt wurden. Bei diesen handelte es sich meist um mitgebrachte Sklaven von den pazifischen Inseln (vgl. Atkinson 1971, 33 f.).

Während die Tätowierungen schon seit dem 18. Jahrhundert bekannt waren und kritisch diskutiert wurden, dauerte es noch deutlich länger, bis Piercings ins Gespräch kamen. Eine Ausnahme bildeten die gesellschaftlich-akzeptierten durchgestochenen Ohrläpp­chen bis zu den 1920er Jahren. Danach folgte die Ära der Clip-on Ohrringe, bevor 1960 wieder die gepiercten Ohren zur Normalität wurden (vgl. Sawyer 2007, 9). Es sollte allerdings bis in die 1970er Jahre dauern, bis auch andere Formen des Piercings in der westlichen Welt ausgetestet wurden. Vorreiter hierfür war zum einen die Punkszene, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit noch eingegangen wird (vgl. Kasten/Wessel 2014, 23), zum anderen entwickelte sich zur gleichen Zeit aber auch die Gruppierung der Mo­dern Primitives, die die Riten und den Körperschmuck der Naturvölker an sich selbst ausprobierten (vgl. Kasten o.J.). Auch die Tätowierungen nahmen ab den 1960er Jahren zu, vorerst als Zeichen der Abgrenzung oder Gruppenzugehörigkeit, z.B. bei Biker­Gangs oder im bereits genannten Punkrockbereich. Ab den 1990er Jahren entwickelten sich sowohl Tätowierungen als auch Piercings zu einem Massenphänomen und werden seither weitestgehend gesellschaftlich akzeptiert. Während der Trend der Piercings langsam abflaut, ist die Tätowierung weiterhin sehr beliebt (vgl. Kasten/Wessel 2014, 23 f.).

Körpermodifikationen, also die Art, wie sie auftreten und wie sie gesellschaftlich ange­sehen werden, unterliegen einer stetigen Veränderung (vgl. Eberhard 2012, 16). Täto­wierungen und Piercings werden heute meist nicht mehr als Form der Rebellion ange­sehen, sodass Menschen, die sich von der Gesellschaft abgrenzen oder schockieren wol­len, andere Arten der Körpermodifikation wählen müssen (vgl. Kasten o.J.).

Spread the love
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •  
  •