Greenwashing

Das ist kein Secondhand, sondern einfach nur Müll

Von Adidas bis Zara: Große Modemarken schmücken sich mit Recyclingversprechen – und doch quillt der Fluss Nairobi in Kenia mit unserem Textilmüll über.

Wie kann das sein?

Altkleider liegen verstreut vor vollen Sammelcontainern

Altkleidersammlung in der Krise

Der wachsende Anteil minderwertiger Textilien zum Problem. Experten befürchten nun den Kollaps des Altkleider-Systems.

München – Vor den Containern sieht es oft schrecklich aus. Dabei ist das, was mit gebrauchter Kleidung geschieht ein hochkomplexer Teil der Kreislaufwirtschaft – und alles andere als einfach nur Müll. In Deutschland werden Altkleider von gewerblichen, wohltätigen und kommunalen Anbietern gesammelt. Diese sind durch Siegel oder Aufdrucke auf den Containern gut erkennbar.

Was nach dem Einwurf mit der Kleidung geschieht, erklärt Thomas Ahlmann, Geschäftsführer von FairWertung, dem Zusammenschluss gemeinnütziger Altkleidersammler in Deutschland: «Die Container werden von einzelnen Organisationen, also zum Beispiel der Diakonia München, aufgestellt. Die Kleidung wird dann sortiert und gratis oder für eine symbolische Summe an Bedürftige abgegeben.» Alles was übrig bleibt, denn nur etwa zwei bis vier Prozent der Kleidung können karitativ in Deutschland verwendet werden, wird an gewerbliche Händler verkauft.

Der Erlös fließt wiederum zurück an die sammelnde Organisation.
Die gewerblichen Händler sind teilweise im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung organisiert. Für die etwa 100 Mitglieder im Fachbereich Textilrecycling spricht Thomas Fischer: «Wir verkaufen die Alttextilien überwiegend direkt an die Sortierfirmen», sagt der Ingenieur. Die größten Anlagen hierfür liegen neben Deutschland in den Niederlanden und in Polen. «Danach führt der Weg der meisten Second-Hand-Ware nach Afrika und Osteuropa».

Greenwashing: Marabus ernähren sich unter anderem von Abfall und Aas, hier fliegen sie über den Textilmüll auf der Dandora-Mülldeponie in Nairobi. Textilmüll, der unter anderem als Secondhandware aus Europa kam.
Marabus ernähren sich unter anderem von Abfall und Aas, hier fliegen sie über den Textilmüll auf der Dandora-Mülldeponie in Nairobi. Textilmüll, der unter anderem als Secondhandware aus Europa kam.

Denn Fischer und Ahlmann sind sich einig: Die Menschen in den Zielländern wollen lieber hochwertige Kleidung aus zweiter Hand, als minderwertige Neuware aus Asien. Und das ist kein Nischenphänomen, laut Ahlmann tragen 80 Prozent der Weltbevölkerung Second-Hand-Kleidung.

Doch billig produzierte Neuware drängt immer mehr auf den europäischen Markt. Anbieter unterbieten sich gegenseitig mit Niedrigpreisen, um immer mehr Kollektionen pro Jahr absetzen zu können.

Die Folge: Unmengen an minderwertiger Einmalkleidung. Und die ist nicht vermarktbar, wie Thomas Fischer erklärt: «Jedes Kleidungsstück wird einzeln angeschaut und bewertet: Ist es tragbar und gibt es einen Markt dafür? Auch die Menschen, die Second-Hand Kleidung kaufen, wollen nicht in einem Pulli rumlaufen, der nach der zweiten Wäsche aus der Form geht».

Doch davon gibt es immer mehr: Schon jetzt sind 20 Prozent der gesammelten Kleider so minderwertig, dass sie bestenfalls zu Dämmmaterial oder Malerflies verarbeitet werden können, Tendenz steigend. Bis zu zehn Prozent in einem Container sind sogenannte Fremd- und Störstoffe. «Die zu entsorgen kostet Geld, das dann eben nicht mehr in soziale Projekte fließt», ärgert sich Thomas Ahlmann. Und er sieht weitere Herausforderungen: «Ab 2025 muss Kleidung EU-weit getrennt von anderem Müll gesammelt werden, das wird die Situation noch verschärfen.» Denn laut Ahlmann würden so erhebliche Mengen minderwertiger Textilien zusätzlich auf den Altkleidermarkt kommen.

Deshalb fordern wohltätige, kommunale und gewerbliche Sammler eine erweiterte Produktverantwortung für die Textilindustrie: «Das Problem sind ja nicht die Hersteller aus Europa, die produzieren ja die hochwertige Kleidung, die das Sammelsystem finanzieren», erklärt Thomas Fischer, «wir möchten, dass die Hersteller, die die Läden mit Wegwerfware fluten, auch deren Entsorgung finanzieren.» Denn sonst müssten die Verbraucher irgendwann für die Entsorgung ihrer Altkleider bezahlen.

«Das ist aber der allerletzte Schritt für uns, wir sammeln ja keinen Müll, sondern geben Kleidung ein zweites Leben, ein ökologischeres Recycling gibt es gar nicht», betont Thomas Fischer. Außerdem ist der Verkauf von Secondhand-Ware aus ökologischer Sicht bisher alternativlos, denn das Faser-zu-Faser Recycling steckt noch in den Kinderschuhen wie Thomas Ahlmann erklärt: «International wird weniger als ein Prozent der Altkleider zu neuer Kleidung verarbeitet, es lohnt sich bisher einfach nicht».

Laut einem Branchenkenner wären 300 Euro bis 350 Euro pro Tonne unsortierter Kleidung ein auskömmlicher Preis – derzeit werden teilweise nur 180 Euro erzielt und davon muss die gesamte Logistik, vom Sammelcontainer bis zur Sortieranlage, bezahlt werden. Thomas Ahlmann ist sich sicher: «Wir brauchen spätestens 2025 eine Lösung für die Sammlung, Sortierung und Verwertung von kaputten oder aufgetragenen Textilien – ohne zusätzliche Finanzierung wird es nicht gehen».
Die Politik prüft die erweiterte Produktverantwortung, steckt aber noch in der Sondierung, wie Susann Krause vom Umweltbundesamt erklärt: «Zur Zeit untersuchen wir mehrere Instrumente, um eine nachhaltige Altkleiderverwertung sicherzustellen. Bis spätestens 2025 wollen wir ein effizientes Maßnahmenpaket geschnürt haben».

Die Lösung für die Kleidercontainer liegt auch bei den Verbrauchern: Hochwertige, wetterfest in Plastiktüten verpackte Kleidung erzielt gute Erlöse, spart wertvolle Ressourcen und unterstützt gemeinnützige Zwecke.