Hamsterkäufe – Antrieb und Sinnhaftigkeit

Nudeln, Reis und Konservendosen: Im Zuge des Coronavirus hat sich das Einkaufsverhalten vieler Menschen verändert. Nicht nur die Produktwahl, sondern auch das Kaufen auf Vorrat leert vorübergehend die Regale bestimmter Produktgruppen im Supermarkt. Konsumforscher Univ.-Prof. Dr. Arnd Florack erklärt im Gespräch, was uns zu Hamsterkäufen verleitet und wie man dem entgegenwirken kann.

Herr Florack, überrascht es Sie, dass es derzeit Supermärkte gibt, in denen teilweise Regale leergeräumt sind?
Es würde mich überraschen, wenn es tatsächlich Probleme in der Lieferkette gäbe, um diese vorübergehend leeren Regale nicht schnell wieder aufzufüllen.
Ein anderer Punkt aber ist, dass Menschen vermehrt beginnen darüber nachzudenken, ob sie nicht zuhause Waren einlagern sollen. Das überrascht mich in der aktuellen Lage nicht. Wir befinden uns in einer Situation, schwer einzuschätzen ist. Dies führt zu einem Gefühl der Unsicherheit. In solchen Situationen mit erlebter Unsicherheit überdenken wir das alltägliche Verhalten und auch die Routinen, mit denen wir vielleicht sonst einkaufen. Andere Menschen sind dann wichtige Informationsquellen für uns, die uns helfen, eine Situation einzuschätzen. Das kann letztlich zu einer schnellen Anpassung des Verhaltens führen, in erwünschte oder unerwünschte Richtungen.

Wie lässt sich dieses Verhalten wissenschaftlich erklären?
Im Grund sind hier zwei Phänomene zu beobachten: Zum einen handelt es sich um sozialen Einfluss und die Orientierung an anderen. Die Auswirkungen beobachten wir sehr stark in unserer Gesellschaft. Die Orientierung an anderen ist aber zunächst ein ganz nützliches Werkzeug, das uns Menschen zur Verfügung steht. Wir imitieren sehr häufig das Verhalten anderer oder nutzen die Beobachtung anderer als Informationsquelle: Im Laufe der Evolution des Menschen war es wichtig, schnell auf Gefahren zu reagieren oder Ressourcen zu erschließen. Die Orientierung am Verhalten anderer war dabei hilfreich.
Imitation und die Orientierung an anderen sind aber auch heute noch in vielen, wenn auch nicht allen Fällen sinnvoll. Kinder lernen über Imitation, und Erwachsene verschaffen sich so Sicherheit in unsicheren Situationen.

Zum anderen löst empfundene Unsicherheit einen Präventionsfokus aus. Menschen sind dann sehr aufmerksam und verfolgen vornehmlich das Ziel, Dinge zu schützen und zu bewahren. Es geht dann nicht mehr um Ideale, Selbstverwirklichung oder tolle Konsumprodukte.

Kann man beim Hamstern also von Instinkt sprechen?
Nein. Bei Instinkten sprechen wir von spezifischen angeborenen Verhaltensweisen. Angeboren ist in diesem Fall aber nicht das spezifische Verhalten des Hamsterns, sondern der Mechanismus, in einer Situation, die mit Unsicherheit verbunden ist, sehr stark auf das Verhalten der anderen zu achten. Würden viele Menschen eine Region verlassen oder zum Ausdruck bringen, dass es keinen Sinn macht, Vorräte anzulegen, würden wir auch geneigt sein, diesen Verhaltensweisen zu folgen.

Gibt es Personen, die besonders anfällig fürs Hamstern sind?
Der Gefahr, dem zu unterliegen, was unser Nachbar tut, sind wir prinzipiell alle ausgesetzt. In dem Moment, in dem wir aber beginnen darüber zu reflektieren, entsteht die Möglichkeit das Hamstern zu reduzieren und wieder auf Leute zu hören, die sich nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Wenn man sich die Literatur ansieht, die sich mit sozialem Einfluss beschäftigt, sind allfällige Unterschiede zwischen Personen vernachlässigbar. Es lassen sich möglicherweise kleine Differenzen feststellen, aber die sind so minimal, dass sie für die Praxis nicht relevant sind.

Die offiziell empfohlene Menge an Lebensmitteln, die zuhause gelagert werden soll, ist relativ überschaubar. Warum halten sich Menschen nicht daran?
Wenn wir jetzt den Eindruck haben, die Menschen beginnen Vorräte anzulegen, sehen wir nur einen Teil der Bevölkerung. Dies ist in gewisser Weise auch eine verzerrte Wahrnehmung von Verhalten. Menschen, die in dieser Situation gelassen und ruhig bleiben, scheint es wenige zu geben – auch wenn sie vermutlich in der Mehrzahl sind.
Der Grund ist einfach: Die gelassenen Menschen machen selten auf sich aufmerksam, sie sind nicht in den sozialen Medien aktiv und eignen sich auch nicht für Interviews. Die Reaktionen aufgeregter Leute hingegen schaukeln sich hoch, werden von Medien aufgegriffen und somit auch viel stärker wahrgenommen. Das kann in gewisser Weise einen Schneeball-Effekt auslösen. Immer mehr Menschen werden unsicher.

Kann man dem entgegenwirken?
Man müsste sich über die Kommunikation Gedanken machen. Wenn man sich – plakativ gesagt – hinstellt und sagt: „Keine Panik! Kaufen Sie bitte keine Lebensmittel mehr ein“, sendet man ein kontraproduktives Signal aus. Richtig wäre es, und das machen viele Experten auch, zu erklären, warum tiefgreifende Maßnahmen jetzt ergriffen werden. Dies ist überhaupt nicht trivial. Denn bei den aktuellen Maßnahmen geht es selten um den Einzelnen, sondern vielmehr um die Gesellschaft insgesamt. Wenn man Veranstaltungen mit Beteiligung junger Menschen einschränkt, dann geht es zum Teil nicht nur um den Schutz aller Teilnehmer, sondern um die Reduktion der Verbreitung und den Schutz des Gesundheitssystems.

Man schafft mit sachlichen Informationen Distanz, reduziert emotionale Reaktionen und kann mehr darüber sprechen, was die zentralen Ziele sind, die man erreichen möchte. Je mehr man die Leute dazu bewegt, darüber nachzudenken, desto eher werden sie zu dem Schluss kommen, dass das Einbunkern von Lebensmitteln keinen Sinn macht. Das verlangt natürlich auch Vertrauen in die handelnden Experten, weil sie gewissermaßen für uns entscheiden, und wir damit auch ein für uns gewohntes Maß an Eigenständigkeit ablegen. Dabei bedeutet Schaffung von Vertrauen keineswegs, dass man auf alle Fragen eine Antwort hat. Im Gegenteil auch die konkrete Benennung von offenen Fragen schafft Vertrauen.

Wie lässt sich die Aggression bei Hamsterkäufen erklären, von der schon öfters berichtet worden ist?
Da kommen verschieden Aspekte zusammen. Zum einen sprechen wir von Zielblockierung, wenn der Hamsterkäufer seine Absicht nicht erreicht, möglichst viel einkaufen zu können. Das führt in weiterer Folge zu Frustration, weil das Ziel in diesem Moment wichtig war, und das wiederum führt zu Aggression.
Aggression ist auch eine gewisse Art von Dominanzverhalten, um an die verknappt wahrgenommene Ware zu kommen. Vergleichbares Verhalten findet man aber überall. So kann es zum Beispiel an der Kinokasse unangemessenes Verhalten geben, wenn es für die nächste Vorstellung nur noch drei Tickets gibt.
Man darf aber nicht vergessen, dass angespannte Situationen auch genau den gegenteiligen Effekt bewirken können, dass man sich nämlich gegenseitig hilft. Es gab ja schon viel schlimmere Krisen als die aktuelle und sozialer Zusammenhalt war dann oft eine gute Strategie. Aber ohne Frage hilft man zuerst der eigenen Familie.

Wie würden Sie erklären, dass leergekaufte Regale tendenziell bei Diskontern festzustellen sind? Bleibt trotz Hamstern die „Geiz-ist-geil“-Mentalität erhalten?
Wenn es tatsächlich darum geht einen Zustand zu sichern, dann spielen Qualitätsmerkmale keine Rolle mehr. Kriterien, auf die unsere Gesellschaft zunehmend Wert gelegt hat, wie Besonderheiten, Luxus oder Geschmack, werden dabei nebensächlich.
Jetzt werden eben Nudeln gekauft, weil man zu wissen glaubt, dass man sich damit gut ernähren kann. Da tritt die funktionale Ebene der Nahrung in den Vordergrund. Die Nahrung muss satt machen und Energie liefern. Qualität, die mit einem hohen Preis verbunden wird, spielt überhaupt keine Rolle mehr. Und das macht sogar Sinn, weil es ja nur noch um die Funktion geht. Normalerweise ist das in unserer Gesellschaft eher umgekehrt: Es geht nicht darum satt zu werden, sondern um Genuss und Ausdruck der eigenen Identität.

Würden Richtlinien seitens der Märkte, wie etwa Mengenbeschränkungen, Sinn machen?
Aus meiner Sicht machen solche Richtlinien keinen Sinn. Die Handelsunternehmen haben das Ziel, Umsatz und Gewinn zu generieren. Sie sind ja keine karitativen Einrichtungen. Man würde mit Einschränkungen sogar den angestrebten Zielen entgegenwirken. Wenn man ein Schild aufstellen würde, dass Kunden höchstens 12 Pakete Zucker mitnehmen dürften – also eine mehr als reichliche Menge – würde der Zuckerabsatz in die Höhe schnellen. Verknappung steigert den Wert der Güter. Außerdem würden Konsumenten schnell Möglichkeiten finden, Einschränkungen zu umgehen und zum Beispiel jedes Mitglied einer Familie einzeln einkaufen lassen. Kurzum: Man würde das Signal senden, dass man bestimmte Produkte unbedingt braucht und die Menschen würde sich bemühen, noch mehr dieser Produkte zu bekommen.

Lassen sich tumultartige Szenen im Supermarkt beruhigen?
Es bringt nichts, Betroffene direkt mahnend anzusprechen oder ihnen einen Vorwurf zu machen. Das trägt nicht zur Deeskalation bei. Man müsste eher mit gegenteiligem Verhalten auftreten und zur Reflexion bewegen, dass Hamstern nicht angebracht ist. Oder darauf hinweisen, dass auch an anderen Tagen noch ausreichende Stückzahlen eines Artikels vorhanden sind.