Hier steht Walfleisch auf der Speisekarte

Seit Jahrzehnten ist die Waljagd verboten. Doch immer wieder versuchen Länder, die selbst keinen Walfang betreiben, dieses Verbot zu stürzen. Was ist da los?

Die Zahlen lesen sich wie Losnummern. Doch hinter 429, 503, 577 und 580 stehen Schlachtungen: Seit 2019 töten norwegische Walfänger jedes Jahr mehr der größten Säugetiere der Erde, um sie als nationale Delikatesse, Hundefutter oder Exportware nach Japan zu verkaufen.

580 geschlachtete Zwergwale in der Saison 2022 zementieren Norwegens Position als Walfangnation Nummer eins. Hinzu kommen mehrere Hundert Wale, die von japanischen und isländischen Flotten erlegt wurden. Zwar verbietet die Internationale Walfangkommission (IWC) die kommerzielle Jagd bereits seit 1986. Doch wer Wale ebenso gerne im Kochtopf wie im Meer sieht, kann diese Vereinbarung recht einfach umschiffen. Was Tierschützer besonders sorgt: Selbst die bestehenden Regeln wackeln.

Wie verletzlich der Walschutz ist, zeigte sich zuletzt in der vergangenen Woche. Auf der Jahreskonferenz der IWC an der slowenischen Adriaküste kam es gleich mehrfach zum Eklat. Dazu muss man wissen: Der Name der Walfangkommission prägt das Gremium bis heute.

Ursprünglich von Walfangländern dominiert, die Walbestände für zukünftige Jagdzwecke schützen wollten, zählen zu den 88 Mitgliedsstaaten noch immer zahlreiche Staaten, die das Fangverbot loswerden möchten. Allen voran und auf den ersten Blick unerwartet, sind das afrikanische, karibische und asiatische Länder, die selbst keinen Walfang betreiben oder Walprodukte konsumieren.

Die Internationale Walfangkommisison (IWC)

Die IWC wurde 1946 ins Leben gerufen, um die „Internationale Konvention zur Regulierung des Walfangs“, umzusetzen. Da es hierbei zuerst um die Aufrechterhaltung des Geschäfts mit Walprodukten ging, brauchte es Jahrzehnte, in denen knapp zwei Millionen Wale geschlachtet und einige Arten an den Rand des Aussterbens gebracht wurden, bis die Kommission 1975 ein Handelsverbot und 1986 ein kommerzielles Fangverbot erließ. Das Verbot hat jedoch viele Schlupflöcher: So können Island und Norwegen in einer rechtlichen Grauzone weiter jagen, da sie Vorbehalte gegen die Walfangsperre geäußert haben. Illegaler Walfang, wie Japan ihn seit Austritt aus der IWC betreibt, wird nicht sanktioniert. Und: Das Verbot ist nicht permanent, sondern ein „Moratorium“, das regelmäßig neu verhandelt werden muss.

So brachte der Karibikstaat Antigua und Barbuda einen Antrag zum IWC-Treffen in Slowenien, der letztlich zur Aufhebung des Walfangverbots und zur Legalisierung der kommerziellen Waljagd führen sollte. Gleichzeitig drängte die Delegation gemeinsam mit Kambodscha, Gambia und Guinea darauf, die „nachhaltige Waljagd“ als Lösung für den Hunger in der Welt anzuerkennen. Nicolas Entrup von der Meeresschutzorganisation Ocean Care überrascht die anscheinende Walfangbegeisterung dieser Staaten jedoch kaum.

Japans langer Arm in die IWC

„Japan ist zwar 2019 aus der Walfangkommission ausgetreten, versucht aber weiterhin über Verbündete die Legalisierung des kommerziellen Walfangs in der IWC zu orchestrieren“, sagt Entrup, der als Beobachter an der Jahrestagung teilnahm. „Das sind die gleichen Personen, die hier für einige Staaten seit Jahren dieselben Pro-Walfang-Positionen schreiben.“ Bei Pro Wildlife, einer anderen Tierschutzorganisation, wird diese Taktik als „Scheckbuch-Diplomatie“ bezeichnet.

Biologin und Mitbegründerin Sandra Altherr, die ebenfalls vergangene IWC-Konferenzen beobachtet hat, berichtet, sie habe einmal selbst gesehen, wie ein karibischer Delegierter erst noch am Laptop sein Bankkonto checkte, bevor er bei einer Abstimmung im Sinne Japans votierte. Und auch aus der Zeit, als Japan noch IWC-Mitglied war, deutet einiges auf Bestechung hin.

Laut einem Bericht der Third Millenium Foundation von 2007, sind 28 der heutigen IWC-Mitgliedstaaten vor dem Hintergrund japanischer Entwicklungshilfezahlungen der Kommission beigetreten – inklusive das von Land eingeschlossene Mali. Die britische „Sunday Times“ hatte 2010 mehrere karibische und afrikanische Delegierte gefilmt, die einem Undercover-Reporter der Zeitung zusagten, in beliebiger Weise abstimmen zu können – sofern die Auftraggeber mehr zahlten, als Japan bereits auf den Tisch gelegt habe.

Außerdem sollen Spesen der Delegation aus Antigua und Barbuda mit einer japanischen Kreditkarte beglichen worden sein. Solche Unregelmäßigkeiten sind seitdem nicht wieder publik geworden. Doch die Agenda des walfremden Pro-Walfang-Lagers scheint sich nicht gewandelt zu haben. Die Strategie aber ist neu.

Nachhaltiger Walfang gegen den Hunger?

Nun argumentieren die einschlägigen Delegationen aus dem globalen Süden mit dem Kampf für die weltweite Ernährungssicherung. „Das ist politisch und diplomatisch eine extrem heikle Situation“, so Entrup. Wer möchte Staaten bevormunden, deren Bevölkerungen teils selbst von akutem Hunger betroffen sind?

Das Argument, dass die Waljagd der dem Welthunger etwas entgegensetzen könne, hält der Meeresschutzexperte dennoch für abwegig. „Es gibt absolut keine Basis für die Behauptung, dass Wale eine ernstzunehmende Nahrungsquelle für Menschen seien, die in ihrem Leben noch nie Wal gegessen haben und deren Länder keine Infrastruktur für die Jagd und Verarbeitung von Walfleisch besitzen“, sagt Entrup. „Das ließe sich auch nicht von heute auf morgen bewerkstelligen: Entsprechende Fangflotten und Fertigungshallen kosten Millionen.“

Das sind Summen, die beispielsweise in Antigua und Barbuda wohl überhaupt nicht zu mobilisieren wäre. Seit 2020 können der Karibikstaat und einige andere Länder in Folge pandemiebedingter Wirtschaftseinbrüche ihre IWC-Mitgliedsbeiträge nicht mehr zahlen. Dennoch sind sie nach einem Solidaritätsbeschluss des Gremiums weiter stimmberechtigt.

„Das Absurdeste, was ich je gehört habe“

„Dass diese Länder, die ohnehin schon finanzielle Schwierigkeiten haben, darauf drängen, den Walfang zu legalisieren, obwohl sie keine Möglichkeit haben, selbst mitzumachen, ist das Absurdeste, was ich je gehört habe. Mit Nahrungssicherung für arme Menschen hat das wirklich überhaupt nicht zu tun“, so Entrup.

Davon abgesehen, sei der Begriff „nachhaltiger Walfang“ ein irreführender Euphemismus: „Wale leben eine lange Zeit, pflanzen sich sehr selten fort und sind vielen Gefahren ausgesetzt. Es ist nicht möglich, sie zu jagen, ohne die Bestände zu gefährden.“

Als sich abzeichnete, dass sich aus diesen Gründen auch auf der IWC-Tagung in Slowenien keine Mehrheit von der Idee des Walfangs gegen den Hunger überzeugen lassen würde, zogen die Pro-Walfang-Staaten ihre Anträge zurück. Allerdings mussten auch die Länder einen Rückschlag hinnehmen, die sich in der IWC für besseren Walschutz einsetzen.

Keine neue Walschutzzone

So scheiterte der Antrag von vier lateinamerikanischen Ländern, die ein Walschutzgebiet im Südatlantik einrichten wollten: Als sich am Donnerstag dafür eine Mehrheit unter den anwesenden Delegationen abzeichnete, verließen 17 Delegationen der Walfang-Befürworter den Sitzungssaal. Darunter Ghana, Guinea, Santa Lucia, Antigua und Barbuda, Benin, Kambodscha und Island. Das Gremium wurde dadurch mangels eines Quorums beschlussunfähig – für Entrups Kollegin Fabienne McLellan, Geschäftsführerin von Ocean Care, eine „Erpressung von Mitgliedern eines internationalen Abkommens“. Und doch bleibt ein Lichtblick.