Kunstaktion „The Walk“ zu Flüchtlingskindern

Eine riesengroße Puppe sucht ihre Mutter

Besonders für Kinder ist eine Flucht aus Kriegsgebieten schwer. Die Kunstaktion „The Walk“ will auf ihre Situation aufmerksam machen. Dazu wurde die 3,5 Meter große Puppe „Amal“ auf die Reise in die EU geschickt, wo sie ihre Mutter wiederfinden soll.

Ein warmer Sommerabend auf der Promenade der griechischen Ägäisinsel Chios. Menschen sitzen vor Cafés und Tavernen. Überall in der Stadt spielen Musikgruppen: Eine Parade mit brasilianischer Trommelmusik streift durch die Straßen oder Bläserensembles fordern die Leute zum Tanzen auf. (*) Von der ganzen Insel sind die Bewohner gekommen, um am Chios Music Festival teilzunehmen. So erzählt es die Journalistin Astrid Kaminski, die sich vor Ort befindet. Und plötzlich hören die Menschen am Hafen ein Lied, das viele eigentlich als Neujahrslied kennen. Jedes Jahr wird es auf der Insel mit einem neuen Text gesungen, um traditionell das Vergangene ziehen zu lassen und sich etwas für die Zukunft zu wünschen. Doch diesmal wurde es umgedichtet – zu einem Willkommenslied für Amal.

Die Würde der geflüchteten Kinder

Amal ist eine 3,5 Meter große Puppe. Drei Artistinnen und Schauspieler bewegen sie, einer im Torso, die anderen die Arme. Amal geht auf einer abgesperrten Straße, um sie herum tanzen die Leute, singen, manche rufen „Bravo!“ oder „Hey Süße!“. Doch die Szene hat einen ernsten Hintergrund. Die überlebensgroße Puppe soll möglichst viel Aufmerksamkeit bekommen, denn sie repräsentiere ein neunjähriges Mädchen aus Syrien, das im Krieg ihre Eltern verloren habe, die sie seit Mitte Juli zu Fuß suche, sagt Kaminski. Dazu mache sie in verschiedenen Ländern Station und befinde sich derzeit in Griechenland, ab Oktober dann auch in Deutschland. Amal soll auf die Würde, Bedürfnisse und Hindernisse aller geflüchteten Kinder aufmerksam machen, vor allem der syrischen. Das britische Theaterkollektiv „Good Chance“ hat Amal von der türkischen Stadt Gaziantep aus auf den Weg geschickt, nachdem sie Teil des preisgekrönten Theaterstücks „The Jungle“ war. Die Kunstaktion nennt sich passenderweise „The Walk“. Gaziantep liegt in der Nähe der Grenze zu Syrien. Die Puppe wird 8.000 Kilometer weit reisen, dabei acht EU Grenzen passieren und so noch durch Italien kommen, Frankreich, die Schweiz, Belgien und schließlich nach Großbritannien.

Den Waldbränden ausgewichen

Und auf dem Weg von der Türkei hat Amal schon die ersten großen Hindernisse überwinden müssen. „Tatsächlich ist es ein fast unglaublicher Akt, dass sie überhaupt gekommen ist“, sagt Kaminski. Weil vor allem an der Ägäisküste in der Türkei und Griechenland Waldbrände wüten, habe sie nicht die geplante Route nehmen können, sondern habe mehreren Feuern ausweichen müssen, bis sie schließlich von Ceşme ins nur sieben Kilometer entfernte Chios zum Musikfestival habe kommen können.