Mit Hanf ist gut zu Bauen

Hausbau mit Hanf

Über den Autor: Henrik Pauly ist Gründer des Planungsbüros „Hanfingenieur“, mit dem er Bauprojekte aus Hanf realisiert. Von Tübingen aus plant und baut er mit seinem Team Hanfhäuser in ganz Deutschland. Als Mitbegründer des Hanfbau-Kollektivs fördert er gemeinsam mit anderen Hanfbau-Fachleuten die Netzwerk- und Bildungsarbeit in Deutschland. Er hält Vorträge über Hanf als Baustoff an Hochschulen wie der HTW Berlin und der Hochschule Rottenburg.

Ohne Beton ginge in der Baubranche heutzutage wenig. Der Baustoff ist günstig und vielseitig einsetzbar. Jedes Jahr werden aus ihm tausende neue Wohnungen, Häuser, Tunnel oder Staudämme gebaut. Gleichzeitig macht der Baustoff die Baubranche aber auch zu einem der größten CO2-Emittenten der Welt. Grund dafür ist vor allem die Zementproduktion, der Grundstoff für Beton, bei der extrem viele CO2-Emissionen entstehen: Weltweit sind es jedes Jahr 2,8 Milliarden Tonnen CO2 und damit fast acht Prozent der globalen Emissionen. Mit dem Bauboom in einigen Entwicklungsländern dürften die Emissionen in der Baubranche in den kommenden Jahren noch weiter wachsen, schätzen Fachleute.

Eine Wende sollen künftig nicht nur eine klimafreundlichere Zementproduktion, sondern auch völlig neue Baumaterialien bringen. Diese sollen nicht nur langlebiger und stabiler als Beton, sondern auch wesentlich klimafreundlicher sein. Eines Tages könnten damit ganze Städte nach dem Vorbild der Natur wachsen – und Gebäude nach langjähriger Nutzung ganz einfach wieder verrotten, glauben einige Forschende. Wie könnten die alternativen Baumaterialien der Zukunft aussehen?

Baustoff Hanf
Aber nicht nur Mycelien, sondern auch andere natürliche Materialien könnten künftig vermehrt als Alternative in der Baubranche eingesetzt werden. Darunter beispielsweise Hanf. Forschende am Rensselaer Polytechnic Institute in den USA stellten dieses Jahr eine Alternative aus Hanf zu Betonstahl vor, der zur Verstärkung von Betonkonstruktionen verwendet wird. Während Betonstahl nach einer bestimmten Zeit zu rosten beginnen kann und damit zu einem früheren Verfall von Brücken oder Gebäuden beiträgt, sollen die aus Hanf gefertigten Rohre wesentlich langlebiger und zugleich klimafreundlicher sein, sagen die Wissenschafter. Denn Hanf bindet extrem viel CO2, ist reißfest und zudem sehr leicht.

Wenig angebaut
Schon jetzt werden an einigen Orten auch ganze Häuser aus gepresstem Hanfstroh hergestellt, die äußerlich wie ein gewöhnliches Holzhaus aussehen. Zwar wird für die Bodenplatte und das tragende Gerüst weiterhin Beton benötigt, aber in Summe meist weniger als in herkömmlichen Häusern. Am Ende der Hausnutzung kann der Hanfanteil meist einfach kompostiert werden, versprechen die Entwickler.

Einziges Problem: Der Hanfanbau ist in Europa derzeit noch eher gering. In der EU und Österreich darf Nutzhanf angebaut werden, sofern der THC-Gehalt nicht über 0,3 Prozent liegt. Oftmals sei der Anbau von Nutzhanf aber noch nicht sehr gewinnbringend, sagen die Forschenden des Rensselaer Polytechnic Institute. Sie erhoffen sich, dass Hanfbauern mit den neuen Einsatzmöglichkeiten von Hanf in der Baubranche bald noch mehr Anreiz haben werden, vermehrt Nutzhanf anzubauen – und dass dieser Gebäude bald noch weit klimafreundlicher und langlebiger machen könnte, als sie es derzeit sind.

Andere Alternativen
Freilich gibt es auch eine Reihe von anderen nachwachsenden Rohstoffen, allen voran Holz, die die Klimabilanz von Gebäuden verbessern könnten. Laut einer Studie in der Fachzeitschrift „Nature“ könnte Holz sogar dazu beitragen, dass Staaten ihr 1,5-Grad-Klimaziel erreichen. Allerdings sollten die Wälder auch nicht einer Holzbauoffensive zum Opfer fallen, warnen Wissenschafter.

Was kostet ein Haus aus Hanf?
60 mm dicke Trockenbau-Dämmplatten aus Hanf schlagen mit etwa 8 Euro je Quadratmeter zu Buche. siedelt sich die Hanfdämmung mit allem Drum und Dran zwischen 10 und 35 Euro je Quadratmeter an. Damit liegen die Kosten ungefähr im mittleren Bereich, aber oberhalb von Mineralwolle und Steinwolle.

Während die Hanffaser in Form von natürlicher Dämmwolle vor allem im Holzbau zum Einsatz kommt, erschließen die Hanfschäben ein noch größeres Einsatzgebiet: Dieser holzige Teil der Hanfpflanze wird mit Lehm oder Kalk vermischt. Somit entsteht ein Dämmstoff, der sich hart anfühlt wie ein Stein, aber leichter ist als Holz – und deutlich besser dämmt als andere Baustoffe. 

Hanfkalk ist ein massiver, harter Baustoff, der dennoch sehr gut dämmt (ugs. „isoliert“).

Hanflehm und Hanfkalk sind vielfältig einsetzbar und punkten durch ihre einfache Verarbeitungsweise; perfekt etwa als Innendämmung oder Außendämmung in der Sanierung. Im Neubau verwendet man Hanflehm oder Hanfkalk, um ein gesundes und behagliches Raumklima zu schaffen. Dabei können die Innenwände und die Außenwände vollständig aus Hanfkalk bzw. Hanflehm gebaut werden. Der Fachmann spricht hier von einem „monolithischen Wandaufbau“ [einschaligen Mauerwerk, das außen und innen verputzt wird]. Der klare Vorteil von Hanf als 100-Prozent natürlichem Baustoff ist die gute Wärmedämmung bei gleichzeitiger Festigkeit. Mit einer Wanddicke von nur 32 cm werden alle aktuellen Energiestandards für ein Wohnhaus erfüllt – und zwar nur mit Hanfkalk, ohne eine zusätzliche Dämmung!

Gebäude, die schon während dem Bau CO2 einsparen, werden in Zukunft immer wichtiger.“

Was den Hanfkalk von anderen Baustoffen jedoch an dieser Stelle unterscheidet, ist seine negative CO2-Bilanz. Das bedeutet, dass die Baustoffe Hanfkalk und Hanflehm mehr CO2 in sich speichern, als bei der Herstellung und Verarbeitung ausgestoßen werden. Dies ermöglicht, dass ein Haus mit den Hauptbestandteilen aus Hanf und Holz rechnerisch sogar CO2-neutral gebaut werden kann. Und genau hier liegt auch der größte Handlungsbedarf in der Bauindustrie. Gebäude, die schon während dem Bau CO2 einsparen, werden in Zukunft immer wichtiger.

Viele zentrale Vorteile gegenüber konventionellen Baustoffen


Hanf hat als Baustoff noch einen weiteren zentralen Vorteil, der unbedingt beachtet werden sollte: Seine Diffusionsoffenheit. Diese wertvolle Eigenschaft wird umgangssprachlich auch damit bezeichnet, dass „die Wände atmen“. Gemeint ist damit, dass überschüssige Feuchtigkeit in der Raumluft von der Hanf-Wand aufgenommen werden und sogar bis nach außen transportiert werden kann. Dort wird das überschüssige Wasser einfach wieder an die Außenluft abgegeben. Wände aus Hanf können also die Luftfeuchtigkeit in den Räumen völlig von selbst regulieren. Eine Klimaanlage kann somit eingespart werden.

Beim Bau eines Gebäudes wird Hanfkalk stets mit einem separaten Tragwerk kombiniert, zum Beispiel aus Holz. Während die Holzbalken die Lasten tragen, übernimmt der Hanfkalk viele der wichtigen Aufgaben, unter anderem:

  • Wärmedämmung
  • Brandschutz
  • Raumakustik
  • Regulierung der Raumluftfeuchte
  • sommerlicher Hitzeschutz

Von Anfang bis Ende – ein enkeltauglicher Roh- und Baustoff

Gebäude aus Hanf sind keine kurzlebigen Konsum-Objekte. Sie bieten einen soliden und gesunden Lebensraum über viele Generationen hinweg – sind damit also ‚enkeltauglich‘. Doch auch diese Gebäude – und seien sie noch so schön – werden irgendwann einmal umgebaut, angebaut oder sogar abgerissen. Glück demjenigen, der ein Haus aus Hanf besitzt! Denn die 100-Prozent natürlichen Hanfbaustoffe können entweder dem Wertstoffkreislauf wieder hinzugefügt oder einfach im Acker untergepflügt werden.

Alles in allem ist Bauen mit Hanf also eine runde Sache, die viele Vorteile für Bauherr*innen bietet aber auch umfassendes Wissen erfordert.

Einhaltung neuer EU-Standards

Für den Landwirt hat dies den Vorteil, dass er die ganze Pflanze verwertet und damit mehr Geld verdient. Die EU will mit den Nearly zero-energy buildings ab 2020 bei jedem Bau die Produktion und Entsorgung der Materialien in die Ökobilanz einberechnen. In den skandinavischen Ländern ist dies heute vorgeschrieben.