Pandemie bremst Plastikverbrauch und feuert ihn gleichzeitig an

Der OECD-Bericht analysiert zum ersten Mal auch den Einfluss der Corona-Pandemie auf den Plastikverbrauch. Wie die Weltwirtschaftskrise von 2008 haben auch die eingebrochenen wirtschaftlichen Aktivitäten während der Lockdowns und danach den Verbrauch an Kunststoffen insgesamt etwas verringert. Gegenüber 2019 schrumpfte der Verbrauch um gut zwei Prozent. Gleichzeitig verschärfte der weltweite Boom der Testkits, Einweghandschuhe und Masken das Problem der Einwegplastikabfälle stark. »Das reine Gewicht von Plastikabfällen ist nicht immer der beste Maßstab, um die Umweltauswirkungen abzuschätzen«, sagt Agrawala mit Blick auf die großen ökologischen Schäden durch eine Vielzahl leichter Plastikteile in der Umwelt wie Plastikverschlüsse oder andere Kleinteile.

Die OECD-Experten rechnen im Zuge der wirtschaftlichen Erholung auch wieder mit einem höheren Kunststoffverbrauch und einer erneuten Zunahme von Kunststoffabfällen und damit verbundener Umweltbelastungen. Eine kürzlich vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) und dem World Wildlife Fund (WWF) vorgelegte Metastudie rechnet sogar mit einer neuerlichen Verdoppelung der Kunststoffproduktion in den nächsten 20 Jahren.

Konkrete Ratschläge an den UN-Gipfel kommende Woche in Nairobi wollen die OECD-Experten nicht geben. Nur so viel: »Die Staaten müssen das Problem gemeinsam angehen«, sagt Agrawala, »und zwar dringend.« Vor allem müssten Wege gefunden werden, die zahlreichen Formen der wilden, unregulierten Entsorgung von Plastikabfällen in den Griff zu bekommen, die den Großteil der direkten Einträge in Flüsse, Seen und Ozeane ausmachten. Allein 2019 seien so 22 Millionen Tonnen Plastik in die Umwelt gelangt.

30 Millionen Tonnen Plastik liege im Meer und sogar mehr als 100 Millionen Tonnen in Flüssen und Seen. Sie werden immer schwieriger und kostspieliger zu beseitigen, da sie in immer kleinere Partikel zerfallen, warnen die Autorinnen und Autoren des Berichts. Auch der WWF und das AWI hatte gewarnt, die Menge dieses marinen Mikroplastiks könne bis zum Ende des Jahrhunderts um das 50-Fache zunehmen.

Peter Börkey vom OECD-Umweltprogramm sieht bereits die Gefahr auf uns zukommen, dass ab einer bestimmten Menge von Mikroplastik Kipppunkte überschritten werden und infolgedessen ganze Ökosysteme zusammenbrechen könnten. Ab welcher Menge, darüber gebe es keinen Konsens in der Wissenschaft, sagt Börkey. Einigkeit bestehe darin, dass auch deswegen dringend etwas gegen die Plastikverschmutzung unternommen werden müsse.

Plastik ist auch problematisch für das Klima

Davon würde auch der Klimaschutz profitieren. Denn der Kohlenstofffußabdruck des Plastiks ist erheblich. Etwa 3,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen gehe auf die Herstellung der Kunststoffe zurück, heißt es im Bericht. Plastik wird zum großen Teil aus fossilen Rohstoffen gemacht, allen voran Erdöl.

Vom Tütenverbot bis zum Trinkhalmbann haben sich viele Länder bereits Regelungen zu bestimmten Einwegplastikprodukten gegeben. Welche sollten darüber hinaus gelten? Die OECD plädiert für eine differenzierte Betrachtung. In Bereichen, in denen das Plastik exzessiv verbraucht werde und gleichzeitig Alternativen verfügbar seien, spreche vieles für weitere Beschränkungen, sagt Agrawala. Viele Industriekunststoffe jedoch hätten beispielsweise eine jahrzehntelange Lebensdauer und brächten durch ihr geringeres Gewicht selbst auch Vorteile für die Umwelt mit sich. Bei solchen Produkten sollten sich politische Maßnahmen eher darauf konzentrieren, die Lebensdauer noch weiter zu erhöhen, empfahl er. Nicht immer sind propagierte Alternativen auch wirklich umweltfreundlicher, wie etwa die Debatte um Einkaufstüten aus Papier oder Stoff zeigt.

Dabei muss nicht immer die Politik an den Gesetzen feilen: Gegen die Plastikflut können auch Verbraucherentscheidungen eine große Wirkung entfalten. Allein die BBC-Naturdoku-Serie »Blue Planet II«, in Deutschland ab 2018 unter »Unser blauer Planet II« zu sehen, habe zu einem drastischen Einbruch des Gebrauchs von Einwegplastikartikeln in vielen Ländern geführt, glauben die OECD-Experten.