Senat will neuen Vorstoß für Drug-Checking

Das Berliner Partyvolk wünscht sich sauberen Stoff, der Senat ist aufgeschlossen – und will seine Präventionsarbeit verstärken.

Berauscht. Die Berliner Clubgänger konsumieren Drogen vor allem, um wachzubleiben und die Nacht durchtanzen zu können. 

Berlin nimmt offenbar einen neuen Anlauf zum Drug-Checking. Das bedeutet, es werden Möglichkeiten gesucht, Drogen auf ihre Qualität und Reinheit zu prüfen, um sicherzustellen, dass Drogenkonsumenten ihrer Gesundheit nicht noch mehr schaden als ohnehin schon. Dies kann zum Beispiel durch mobile Labore erreicht werden. Problem: Es ist derzeit illegal. „Der politische Wille ist da, aber die rechtlichen Hürden sind hoch“, sagte Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) am Mittwoch bei der Vorstellung einer Studie zum Thema Drogenkonsum in der Berliner Partyszene.

Aus dieser Studie geht vieles hervor, was man schon wusste: Das Berliner Partyvolk hat eine hohe Drogenaffinität – sie ist doppelt so hoch wie beim Durchschnittsberliner. Von einzelnen Drogen konsumieren Partygänger sogar ein Vielfaches gemessen am Durchschnitt. Sie setzen die Substanzen gezielt zum „Befindlichkeitsmanagement“ ein, etwa einen Wachmacher zum Aufputschen, um 20 Stunden tanzen zu können, und danach etwas Sedierendes, um wieder runterzukommen. So schilderte es die Landessuchtbeauftragte Christine Köhler- Azara: „Die Bandbreite dessen, was ausprobiert wird, ist groß.“

Der Charité-Arzt Felix Betzler führte die Studie im Auftrag der Senatsgesundheitsverwaltung durch; befragt wurden zwischen August und Dezember vergangenen Jahres 877 Personen mit Fragebögen, etwa ein Drittel in Warteschlangen und in der Szene, zwei Drittel online. Die Studie ist nicht repräsentativ.

Berliner Club- und Partygänger sind demnach überdurchschnittlich gebildet. Die meisten Befragten waren junge Erwachsene im Alter zwischen 20 Jahren und Anfang 30. Knapp 75 Prozent hatten Abitur oder einen Hochschulabschluss. Knapp ein Drittel studierte, 41 Prozent hatten einen Job im Angestelltenverhältnis. Die weitaus meisten Befragten halten sich an legale Drogen wie Alkohol (87,8 Prozent hatten in den 30 Tagen vor der Befragung Alkohol konsumiert) und Nikotin (72,3 Prozent). Aber auch illegale Drogen sind verbreitet: Mehr als 60 Prozent gaben an, in den vergangenen 30 Tagen Cannabis genommen zu haben. Rund 50 Prozent sagten das für Amphetamin, zum Beispiel Speed, 49 Prozent für Ecstasy oder MDMA. 36 Prozent der Feiernden hatten Kokain genommen und 32 Prozent das Narkosemittel Ketamin. Heroin und Crystal Meth spielen in der Partyszene keine Rolle.

Rechtlich ist Drug-Checking nicht möglich, anders als in der Schweiz oder den Niederlanden

52 Prozent der Befragten sagten, sie würden Drogen nehmen, um zu feiern, Spaß zu haben und ihre Stimmung zu verbessern. Bei vielen ging es ums Tanzen, eine stärkere Wahrnehmung, intensiveren Sex und schlicht längeres Durchhalten.

Die Erkenntnisse sollen dem Senat jetzt als Grundlage dienen, um seine Präventionspolitik neu auszurichten. Als nächstes wird für die Umsetzung ein geeigneter Träger gesucht; noch im ersten Quartal soll es eine entsprechende Ausschreibung geben. Es stehen insgesamt 300 000 Euro zur Verfügung.

Den Befragten waren Aufklärung und Prävention zwar auch wichtig, an erster Stelle wünschten sie sich aber das erwähnte Drug-Checking. „Die Studie hat ergeben, dass das Angebot einer Substanzprüfung vor Ort für sinnvoll erachtet wird“, sagte Kolat. „Ich bin mit Justizsenator Behrendt und der Staatsanwaltschaft im Gespräch, wie man das ermöglichen könnte.“

Die Justizverwaltung bestätigte dies. „Das stimmt“, sagte Sebastian Brux, Sprecher von Senator Dirk Behrendt (Grüne). „Am einfachsten wäre es über eine Änderung des Betäubungsmittelgesetzes durch den Bundestag. Wir sind in Berlin in Gesprächen auf verschiedenen Ebenen, um zu prüfen, wie wir es in den bestehenden bundesrechtlichen Grenzen ermöglichen könnten.“

Lutz Leichsenring von der Clubcommission begrüßte das; die Clubs fordern diese Möglichkeit schon lange. „Im aufgeklärten Umgang mit Drogenkonsum hinken wir anderen Ländern hinterher“, sagte Leichsenring dem Tagesspiegel. „Wir fordern, dass auf Veranstaltungen die Möglichkeit des Drug-Checking eingeführt wird, etwa nach dem Vorbild der Schweiz oder der Niederlande, um aufzuklären, aber auch, um die Dosis einzuschätzen.“ Der MDMA-Anteil in Ecstasy-Pillen sei heute etwa viermal so hoch wie früher. Auch in anderen Drogen ist Experten zufolge der Wirkstoffgehalt heute viel höher, zum Beispiel im vielfach als harmlos geltenden Cannabis.


Der Senat möchte wissen, welche Drogen die Berliner nehmen

Eine wissenschaftliche Untersuchung der Berliner Drogenszene soll als Basis für die künftige Drogenpolitik des Senats dienen. Auch „Drug-Checking“ hatte die Koalition sich vorgenommen. 

Der Senat plant eine Studie zum Drogenkonsum von Clubgängern. In einem Bericht der Senatsverwaltung für Gesundheit heißt es: „Zum Berliner Party- und Clubleben gehört für zahlreiche junge Menschen neben dem Konsum von Tabak und Alkohol auch der Konsum von sogenannten ,Party-Drogen‘ (Amphetaminen, Methamphetaminen wie Ecstasy, Legal Highs, Neue Psychoaktive Substanzen (NPS) und Cannabis).“

Da es zu dieser Beobachtung mangels Datenlage bisher aber keine empirischen Erkenntnisse gibt, soll mittels anonymisierter Fragebögen und Experteninterviews eine Grundlage geschaffen werden, auf der die Drogen-und Präventionspolitik der rot-rot-grünen Koalition aufbauen kann.

Konkret möchte der Senat wissen, wer (Alter, Geschlecht, Bildungsstand) wie (Konsummuster, Risikoverhalten) was (Substanzen) konsumiert. Im Koalitionsvertrag hat sich Rot-Rot-Grün eine liberalere Drogenpolitik vorgenommen, zu der auch das sogenannte „Drug-Checking“ gehören soll. Dabei werden illegal erworbene Substanzen auf ihren Reinheitsgrad und Inhaltsstoffe überprüft.

Dieses an die Schweiz angelehnte Modell wird von der Berliner Clubcommission begrüßt: „Konsumiert wird sowieso“, sagte Raimund Reintjes, Leiter der Geschäftsstelle, dem Tagesspiegel. „Es wäre also im Interesse aller, wenn es einen bewussteren Drogenkonsum geben würde.“ Eine Überprüfung der Aufputschmittel helfe dem Konsumenten dabei, einzuschätzen, welches Risiko er beim Konsum eingehe. Auch die vom Senat geplante Studie hält Reintjes für eine gute Idee. Die Clubcommission sei bereit, mit dem Senat beziehungsweise den mit der Studie beauftragten Akteuren zusammenzuarbeiten.

„Drug-Checking“ ist schwer umzusetzen

„Die Unterstützung der Clubcommission kann nur helfen“, sagte der Sprecher der Gesundheitsverwaltung, Christoph Lang, dem Tagesspiegel. Das geplante „Drug-Checking“ in Berliner Clubs sei allerdings noch schwer umzusetzen, weil das davon betroffene Betäubungsmittelgesetz Bundessache ist. Hier müsse man sehen, in welcher Form eine Überprüfung illegaler Substanzen möglich sei.

Bereits in den neunziger Jahren gab es ein entsprechendes Projekt in Berlin, wogegen die Staatsanwaltschaft ermittelte. Es kam damals zwar zu keinem Gerichtsverfahren, die anonymen Drogentests wurden aber eingestellt. Rechtlich unklar ist zum Beispiel, ob die Tester sich während der Untersuchung der Substanzen strafbar machen, weil sie die Drogen „besitzen“. Eigenbedarf als Ausnahmeregelung würde sich auch ausschließen, weil sie die Rauschmittel nicht selbst konsumieren.

Weitere vom Senat geplante Projekte im Drogenbereich sind laut Koalitionsvertrag „die Weiterentwicklung von Drogenkonsumräumen, die Vergabe von sauberen Konsummaterialien und die Entsorgung des gebrauchten Materials sowie die Prüfung eines Projektes zur Naloxonanwendung bei Opiatvergiftung“.

Der größte Beratungs-und Hilfebedarf besteht laut Deutscher Suchthilfestatistik bei problematischem Alkoholkonsum. Auf Platz zwei folgt Cannabis, das in Deutschland jeder zehnte 18- bis 20-Jährige konsumiert. In Berlin leben schätzungsweise 24 000 Cannabis-Abhängige, 13 Prozent der 17- bis 24-Jährigen gelten dabei als problematische Konsumenten: Das bedeutet, sie kiffen mindestens einmal am Tag.

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