Produktion von Flachs und Hanf im Spannungsfeld Textilindustrie und regionale Agrarstruktur

Seit Mitte des 15. Jahrhunderts musste die Textilindustrie einige Rückschläge über sich ergehen lassen. Damals musste auch die Flachsanbaufläche her. Die Ostschweiz ist in den letzten 130 Jahren stark gewachsen. Im 19. Jahrhundert nahm die Zahl der gebleichten Tücher weiter zu, und zwar ab 1560. Es gab einen Wohlstand, der 1610 seinen höchsten Stand erreichte mit 20.000 gebleichte Handtücher pro Jahr in St. Gallen.

In den grösseren Städten des Bodenseegebiets waren das Leinwandgewerbe und ein weiträumiger Fernhandel bereits seit dem 13. Jahrhundert bedeutend. Die Veredlung Bleiche, Walken, Stampfen, Färben), die Qualitätskontrolle Leinwandschau), der Handel und Export von Leinwand lagen vollständig in den Händen städtischer Bürger.

Die Monopolisierung des weiterverarbeitenden Handwerks und des Handels war ebenso Teil der «zielbewussten Leinwandpolitik» St. Gallens wie die Zusammenfassung der Produktion eines grossen Einzugsgebietes. Die überwiegend kleinbäuerlichen Produzenten des Flachses, die Garnspinnerinnen und Weber wohnten im Umland der Stadt St. Gallen, so hauptsächlich innerhalb des Territoriums der Fürstabtei St. Gallen, im höher gelegenen Teil des angrenzenden Thurgaus sowie im Appenzellerland. Hier kauften St. Galler Händler, Kaufleute und Verleger Garn und Rohleinwand für die Weiterverarbeitung und den Verkauf in der Stadt. Die Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land, zwischen einzelnen Familienhaushalten und im überregionalen Rahmen, differenzierte sich im Verlauf der frühen Neuzeit weiter aus.

Spezifische agrarstrukturelle Verhältnisse schufen besonders im Appenzellerland die Voraussetzungen für eine relativ frühe Protoindustrialisierung, das heisst eine seit dem 16. Jahrhundert ausgeweitete und verdichtete gewerbliche Produktion auf dem Land. Die Landwirtschaft hatte sich bereits im Spätmittelalter auf Vieh- und Milchwirtschaft spezialisiert und sich verstärkt auf den Absatz auf dem städtischen Markt ausgerichtet. Zudem konnten sich viele Bauern in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Grundzinsen und Zehnten loskaufen, was sie vom Zwang befreite, bestimmte Getreidearten oder sonstige, festgelegte Naturalabgaben zu produzieren.

Weil auch die Mehrzahl der Familienhaushalte auf Einzelhöfen lebte und wirtschaftete, hemmte kein Flurzwang und keine wirtschaftlich-soziale Dorfordnung die Umstellungen, die durch den Spezialisierungsprozess auch im Pflanzenbau nötig wurden.

Eine andere Richtung nahm der landwirtschaftliche Spezialisierungs- und Intensivierungsprozess in Regionen wie etwa im St. Galler Rheintal oder im zürcherischen Weinland, wo seit dem Spätmittelalter neben einer verstärkten Viehhaltung viel Kapital in die Ausdehnung des Rebbaus investiert worden war.

Zudem ließ der Bevölkerungszuwachs immer mehr Arbeitskräfte aus unterbäuerlichen Schichten mit wenig oder keinem Landbesitz nach neuen Einkommensquellen suchen.

Rebbau und Flachsbau konkurrenzierten sich sowohl in Bezug auf den hohen Düngerbedarf als auch auf den hohen Arbeitsaufwand. Eine mischwirtschaftliche Kombination von Rebbau und Flachsbau wäre also arbeitsökonomisch wie vom materiellen Energieaufwand her wesentlich ungünstiger gewesen. Noch anfangs des 19. Jahrhunderts wurde es als völlig selbstverständlich angesehen, dass dort, wo «der Weinbau als Haupt-Nahrungsquelle sich erhebet» sich «im allgemeinen die Grenzen des Flachsbaues» finden.

Gemeinsam forderten die Bauern verbesserte Möglichkeiten zum Zukauf von Getreide. Die gesamte Nordschweiz importierte seit dem 15. Jahrhundert aus dem Elsass und Südschwaben Brotgetreide, und die regionale Spezialisierung der Landwirtschaft erfolgte in enger Komplementarität zu diesen anderen Gross-)Regionen, die den Getreidebau intensivierten. Das Gebiet nördlich des Bodensees richtete seine Produktion ausgeprägt auf die gestiegene ostschweizerische Getreidenachfrage aus. Parallel dazu entwickelte sich außerdem ein Handel mit Saatgut für den Flachsbau, dessen Ausmaß und Bedeutung noch genauer zu untersuchen wären.

In ackerbäuerlichen Regionen, wo auch der Rebbau eine Rolle spielte, wurde die Produktion von Hanf gegenüber Flachs wahrscheinlich tendenziell bevorzugt, und ebenso in Regionen, wo viele arme Tauner mit wenig Landbesitz lebten. Im stark auf Rebbau ausgerichteten zürcherischen Weinland, im Raum Andelfingen und Hettlingen, wurde speziell Hanf in grösserem Stil und zu gewerblichen Zwecken angebaut. Die weiblichen Mitglieder eines Familienhaushalts verkauften das gesponnene Hanfgarn in den Städten Winterthur und Zürich. Als lokale Spezialität und verdichtetes Gewerbe bildete sich zudem in Rümlang das Stricken von Strümpfen aus Hanfgarn aus. Die Stricker und Strickerinnen, Männer, Frauen und Kinder, betrieben dieses Gewerbe als Haupterwerb und verkauften die fertigen Strümpfe selbständig.

Das Garn bezogen sie von auswärts – vielleicht aus dem Gebiet des Greifen- und des Pfäffikersees –, und im Dorf selbst lebten Garnspinner als Zulieferanten der «Lismer» Insgesamt kam dem Anbau von Flachs und Hanf bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eine Bedeutung zu, die in der Agrar- und Wirtschaftsgeschichte lange unterschätzt blieb. Die bereits mehrfach zitierten Autoren aus Frauenfeld beurteilten das noch anders: «Der Lein samt dem Hanf sind gleichsam ein angestammtes Erbtheil des mittleren Europa, der Anbau und die Bereitung derselben giebt der Bevölkerung bedeütender Ländertheile Beschäftigung und einen Theil des Unterhaltes: die erforderlichen Arbeiten können nebend dem gewöhnlichen Getreidebau von dem Landmann geleistet und es kann damit manche sonst unbenuzte Lüke der Zeit nüzlich ausgefüllt werden.»

Abschliessend kann festgestellt werden, dass historische Umweltforschung – hier verstanden als enge Verbindung von Geschichte, Botanik und Archäologie – nicht nur das traditionelle Forschungsfeld erweitert, sondern auch den Blick für neue Zusammenhänge und Widersprüche schärft. In der historischen Forschung werden Hanf und Flachs oft nebeneinander, scheinbar völlig « gleichberechtigt» genannt, obwohl die beiden aus pflanzenbaulicher Sicht Konkurrenten sind. Einzelne bäuerliche Betriebe entschieden sich entweder für Hanf oder für Flachs, nicht aber für beide.

Der vorliegende Aufsatz skizzierte umweltrelevante und wirtschaftlich-soziale Aspekte ihrer Entscheidungsgrundlagen: Neben ähnlichen Standortansprüchen von Hanf und Flachs spielte der Nutzungszweck eine ausschlaggebende Rolle. Weiter war wichtig, ob der Rohstoff für den Eigenbedarf oder den Handel erzeugt wurde. Die erwünschte oder geforderte Faserqualität war zudem direkt von der Qualität des Saatguts, der Witterung, Bodengüte, Pflanzungsdichte und vom Reifegrad abhängig. Die Qualitätsrichtlinien des Leinenhandels beeinflussten die gesamte ländliche Flachs- und Hanfproduktion sowie deren Stellung innerhalb der übrigen Zweige der Landwirtschaft.