Vor dem Stechen einmal Denken

Es war nach der letzten Abschlussprüfung bei einem Glas Sekt: „Heute müssen wir etwas Unvergessliches machen!“ Und was wäre unvergesslicher als ein Tattoo? Ein Motiv ist schnell gefunden, nur ein Tätowierer nicht. Bis man endlich ein freies Studio gefunden hat, ist man zwar wieder nüchtern, aber der Entschluss ist noch da. Die Nadel surrt, wenige Minuten später ist der Tag für immer auf der Haut.

Während manche sich noch Jahre später über ihr Spontantattoo und die damit verbundene Erinnerung freuen, bereuen es andere später einmal. Und genau diejenigen will die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag, Gitta Connemann, mit einer Beratungsfrist schützen. Für diesen Vorschlag musste sie in den vergangenen Tagen viel Häme einstecken, denn die Tattoofans fühlen sich bevormundet. Ob die Politiker nichts Besseres zu tun hätten, schließlich sei man ja mündiger Bürger, lauten, oftmals noch weitaus weniger nett ausgedrückt, die Reaktionen in den sozialen Netzwerken. Finger weg von unseren Tattoos.

Als wirklich sinnvoll erachten auch der Bundesverband Tattoo und der Deutsche Organisierte Tätowierer e.V. (DOT) eine solche Beratungsfrist nicht. „Wenn Sie bei einem guten Tattoostudio anrufen, müssten Sie ohnehin mehrere Wochen oder sogar Monate auf einen Termin warten“, sagt Urban Slamal vom Bundesverband Tattoo. Eine längere Pause zum Nachdenken geht fast nicht. Spontantattoos sind nach Angaben der Verbände nur in drei Fällen möglich: Wenn ein Termin kurzfristig ausgefallen ist, bei sogenannten ’Walk-in-days’, an denen Studios kleine Motive ohne lange Wartezeit stechen, oder bei Tattooconventions. Und wirklich überstürzt seien Letztere ja auch nicht, sagt Slamal: Schließlich müsse man sich ja trotzdem noch über Termine informieren und hingehen. „Da sollte man die Leute eher vor ungeschützen One-Night-Stands schützen“, sagt er. Wie die Einhaltung einer Frist kontrolliert werden soll, könne er sich ohnehin nicht vorstellen.

Ein Tätowier Set gibt es bereits ab 30 Euro

Und was ist mit Gruppenzwang und Alkoholeinfluss, die laut Connemann einen entscheidenden Faktor bei Spontantattoos spielen? „Wenn jemand völlig alkoholisiert oder mit einer ‚Tattoo, Tattoo‘ grölenden Junggesellenabschiedsbande sich ein Tattoo stechen lassen will, fliegt derjenige für gewöhnlich im hohen Bogen raus“, sagt Slamal. Schwarze Schafe, die einer Betrunkenen trotzdem die gewünschten Delfine um den Bauchnabel stechen, gäbe es natürlich immer. Der DOT sieht hier aber vor allem das Problem der Heimtätowierer, die ihre Freunde bei einer Party in der eigenen Küche verschönern wollen. Ein Tätowier-Set können Hobbykünstler sich schon für etwas mehr als 30 Euro bei Amazon bestellen. Ähnlich leicht ist das Eröffnen eines Tattoostudios: Dafür muss man nur ein Gewerbe anmelden.

Und das ist, im Gegensatz zu den Spontantattoos, etwas, das sowohl Connemann als auch Slamal gerne ändern würden. „Bevor jemand ein Tattoostudio eröffnet, sollte er zum Beispiel Kenntnisse in den Bereichen Hygiene, Recht, Erste Hilfe und Dermatologie nachweisen“, sagt Slamal. Die Hygienezustände würden zwar ab und zu kontrolliert, berichtet er, aber „manche bekommen gefühlt jede Woche Besuch, andere nie.“ Entzündungen seien zwar meist ein Problem von falscher Nachsorge, zum Beispiel wenn das Tattoo mit nicht gewaschenen Händen versorgt wird. „Wenn tatsächlich der Tätowierer einen Fehler machen würde, würde er ganz schnell zumachen“, sagt Slamal. Ohnehin würden sich die meisten im Internet und bei Freunden informieren, bevor sie sich für ein Tattoostudio entschieden. Außerdem sei gerade eine DIN-Norm für Hygiene in Arbeit, auf die der Gesetzgeber später aufbauen könne.

Connemann weist aber auch auf Verletzungen und gefährliche Stoffe in Tattoofarben hin. Tatsächlich hat das Bundesinstitut für Risikoforschung herausgefunden, dass die Pigmente sich nicht nur unter der Haut, sondern auch in den am nächsten gelegenen Lymphknoten ablagern würden. Da beim Tätowieren eine Vielzahl von Stoffen verwendet wird, sind Aussagen über gesundheitliche Folgen bislang nur schwer möglich, die Datenlage ist unzureichend. Auch fehlt es an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Langzeitwirkungen der Farben. Allerdings arbeite die EU schon an einer Regulierung der Farben, sagt Slamal, ein nationaler Alleingang bis dahin mache wenig Sinn. Mehr Verbraucherschutz sei aber auf jeden Fall unterstützenswert.

Ob sich Tattoofans selbst bei besserer Aufklärung von Risiken, die sich oft noch nicht genau benennen lassen, abschrecken lassen, ist fraglich. Auch dass großflächige Tattoos das Schwitzen und die Thermoregulierung beeinflussen und somit Hochleistungssportler beeinträchtigen können, wird den normalen Bürger wenig beeindrucken. Zudem sind Tattoos schon lang im Trend: Jeder fünfte Bundesbürger ist bereits tätowiert. Das ergab eine Studie der Universität Leipzig im September 2017. Beliebt ist der Körperschmuck vor allem bei Frauen zwischen 25 und 34 Jahren: Fast die Hälfte hat ein Tattoo. Und wenn sich in einer Gruppe viele tätowieren lassen würden, sei es schwer, dies nicht zu tun, so die Leipziger Forscher. 

Im November plant Connemann auf jeden Fall einen Tattoo-Gipfel, bei dem sie unter anderem mit Forschern, Farbherstellern und Tätowierern sprechen will. Bis es gesetzliche Regeln für Hygiene gibt, erklärt Slamal, woran man ein gutes Studio unter anderem erkennt: „Der Tätowierplatz sollte natürlich ordentlich und sauber aussehen. Je ähnlicher er einem Operationssaal sieht, desto besser. Man sollte sich umsehen und sich fragen: Kann das hier steril gehalten werden? Einmal-Handschuhe und ein Flächendesinfektionspray sind auch ein guter Hinweis, dass alles in Ordnung ist.“

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