Rund um Drogen

Aus Flowerpower und Bewusstseinserweiterung ist ein mafiöser Markt mit gigantischen Gewinnspannen geworden. Die Anteile der verschiedenen Gruppen variieren von Droge zu Droge. Bei einigen Drogen ist die Zahl der Genießer fast Null. Die auffälligste Veränderung in der Drogenszene seit 1964 ist zweifellos das explosionsartige Wachstum eines illegalen Drogenmarktes in den sechziger und siebziger Jahren und dessen Veränderung und Verfestigung in den 20 Jahren danach.

Deutschland brauchte Gastarbeiter, um das Zuviel an Arbeit zu bewältigen. Die Drogen-Konsumenten jener Jahre sahen sich selbst intellektueller als die Junkies heute, sie waren oft an Hochschulen und den Oberstufen der Gymnasien zu finden. Entsprechend veränderten sich die Gewichtungen der gebrauchten Drogen. Die intellektuellen Konsumenten waren interessiert am « Genuss» von Cannabisprodukten.

Zu Beginn der siebziger Jahre, als ich die ersten beruflichen Kontakte mit Drogenkonsumenten hatte, war Beschaffungskriminalität ein sehr viel geringeres Problem als heute – es gab weniger Konsumenten, und die Preise für die Drogen waren erheblich niedriger. Mitte der siebziger Jahre veränderte sich der Markt bei den Opiaten drastisch. Bis dahin dominierte dort «Berliner Tinke», ein Gebräu aus Rohopium, dann stellten die Dealer den Markt gezielt auf das viel teurere Heroin um, das bis heute eine große Rolle in der Szene spielt. 1870/71 wurde Morphium im deutsch-französischen Krieg bei der Behandlung Verwundeter eingesetzt, viele wurden morphinabhängig.

Die Firma Bayer brachte Diamorphin als « Heroin» auf den Markt – zur Hustenstillung, als Schmerzmittel und zur Behandlung von Morphiumabhängigkeit. Die Szene jedenfalls ist in den letzten 40 Jahren gewachsen und hat sich eher verhärtet. Die großen Dealer haben viel Geld verdient, und viele Menschen sind gestorben. 1984 war Heroin die dominierende Droge des illegalen Marktes.

Neben und mit Heroin wurden weitere Drogen genommen – Alkohol und vor allem verschiedene Psychopharmaka. Die Situation wurde als so dramatisch eingeschätzt, dass die Politiker auch in Deutschland nach langem Zögern bereit waren, kontrolliert Methadon als «Ersatzdroge» zuzulassen. Die Behandlung etablierte sich in den neunziger Jahren. Zwar ist Kokain seit langem bekannt – der Kokastrauch wurde in Südamerika schon 2500 v. Chr.

Jahrhunderts –, aber die explosionsartige Steigerung im illegalen Markt der neunziger Jahre schreckte die Experten auf. Wie Morphin und Heroin galt auch Kokain im 19. Jahrhunderts Modedroge in Paris und Berlin und auch später als Droge der Schicki-Micki-Szene bekannt, beliebt bei Künstlern, Werbeleuten, Sterneköchen und Fußballtrainern. In der Junkieszene kursierte Kokain ebenfalls, spielte aber lange keine große Rolle.

Heroin «lohnt» sich für ihn nicht mehr. Die Kokainwirkung dagegen wird durch Methadon nicht beeinträchtigt. Sicher ist das nicht das einzige, aber ein nicht zu unterschätzendes Motiv für den anhaltenden Aufstieg des Kokains zur momentanen Nummer 1 der Szene. 2004 liegt Kokain bei den Beschlagnahmungen von Drogen durch die Polizei mengenmäßig über Heroin – wie schon in den letzten Jahren.

Daneben gibt es eine Vielfalt von synthetischen Drogen vor allem aus Halluzinogenen und Amphetaminen, die zu immer neuen Varianten verbunden – «designt» – werden. Heute sind sie fester Bestandteil der europäischen Drogenszene. In den Anfängen der illegalen Drogenszene waren die Helfer quasi «Peers» der Abhängigen, halfen mit viel Empathie – und erlitten herbe Enttäuschungen, weil die meisten Abhängigen trotz aller Zuwendung Abhängige blieben und mit allen Tricks, Lügen, Täuschungen und scheinbarer Einsichtsfähigkeit weiterhin allein danach trachteten, ihren Drogenhunger zu stillen. In der Folge entwickelte die professionelle Drogenhilfe rigorose Regelwerke vor allem in der stationären Therapie, die an militärischen Drill oder an Sekten erinnerten.

Inzwischen muss in der stationären Therapie kein Süchtiger mehr die Treppe mit der Zahnbürste putzen und kein Schild mehr um den Hals tragen mit der Aufschrift «Ich bin ein Baby». Worauf wir noch länger warten müssen, ist der große Durchbruch in der medizinischen Forschung, der eine echte pharmakologische Behandlung möglich macht. Nicht viel niedriger sind die Zahlen bei Alkohol – sie sind sogar höher, wenn man die alkoholverursachten Unfälle und Gewalttaten dazu zählt. Fachleute rechnen mit mehr als 1,5 Millionen Alkohol- und ähnlich vielen Medikamentenabhängigen.

Nicht nur mit illegalen Drogen, mit denen in Europa ein jährlicher Umsatz von geschätzten 124 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet wird. Auch die legalen Drogen waren und sind von immenser wirtschaftlicher Bedeutung. Bei einer Durchschnittsrente von 800 Euro pro Monat würde jedes Jahr Lebensverlängerung der 17 Millionen Raucher die Rentenversicherung mit rund 160 Milliarden Euro zusätzlich belasten. Für Alkohol lassen sich ähnliche Rechnungen aufstellen.

Heute ist es eine anerkannte Regel der Höflichkeit, dass der Raucher auf den Balkon geht, um seiner Sucht zu frönen. Vielleicht setzt sich diese Entwicklung ja fort, so dass wir in weiteren 20 Jahren eine objektive, von Tabus, Klischees und Verdrängungen ungetrübte Analyse von Nutzen oder Risiken aller Drogen, legal wie illegal, und ein darauf aufbauendes Regulierungssystem haben.

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