Rund um Klimawandel und Arterhaltung

Klimawandel und Arterhaltung

Evolutionsbiologe zum Artensterben: «Wir sehen gerade nur die Spitze des Eisberges

Dabei sei das weitaus größere Problem der Menschheit das Artensterben, meint Prof. Im RND-Interview erklärt der Evolutionsbiologe, warum der Erhalt der Biodiversität so wichtig ist und wieso ein Ende der Evolution drohen könnte. Wir haben zwar mit dem Klimawandel ein Jahrhundertproblem vor uns, aber das ist eigentlich nicht unser größtes Problem, sondern der Verlust der Biodiversität.

Definitiv haben wir beim Artensterben nicht wieder 40 Jahre Zeit. Es ist ein interessantes, kulturanthropologisches oder soziologisches Problem, dass wir uns scheinbar immer nur eine große Problematik auf die Fahne schreiben können.

Inwieweit hängen der Klimawandel und das Artensterben miteinander zusammen?

Klimatische Effekte tragen nur in der Größenordnung zwischen zehn und 15 Prozent zum Artensterben bei.

Was sind denn dann die Hauptgründe für den Artenschwund?

Der Haupttreiber für das Artensterben ist die Landnutzungsänderung. Wir roden Regenwälder, wir betreiben industrielle Landwirtschaft, wir jagen Tiere, wir wildern Tiere, wir plündern sozusagen die Natur aus. Schon jetzt nutzen wir etwa zwei Drittel der Landoberfläche für unsere Belange. Bei einer wachsenden Weltbevölkerung ist das ein zunehmendes Problem.

Wir greifen nicht nur in die Geosphäre ein, was einen Klimawandel zur Folge hat, sondern wir greifen auch in die Biosphäre ein und bewirken ein globales, kolossales Artensterben. Hier fliegen doch noch Schmetterlinge und Vögel. Es geht beim Artensterben – genauso wie beim Klimawandel – eigentlich nicht nur um die Erde und das Leben auf der Erde, sondern auch um den Menschen und sein Überleben. Ist diese fehlende Sichtbarkeit des Artensterbens vielleicht auch ein Grund, warum das Thema noch nicht in der öffentlichen Debatte angekommen ist. Wir werden einen Großteil der Biodiversität verlieren und nicht mehr wissen, wie wir mit den biologischen Ressourcen die riesige Menge an Menschen ernähren sollen.

Das wird das große Problem.

Haben Sie einen Kaffee vor sich stehen?

Egal, ob Sie gerade Kaffee oder etwa Tee trinken, haben Sie die Antwort vor ihren Augen. Die Fruchtbarkeit der Böden, die Sauberkeit des Wassers und der Luft – alles ist von Pflanzen und Tieren abhängig und damit von ökologischen Geflechten, also basalen biologischen Zusammenhängen. Wenn wir einzelne Kettenglieder schwächen, dann fallen diese biologischen Netzwerke zusammen – und damit sind auch wir als Menschen gefährdet. Die meisten Menschen verblüffen diese Zahlen, weil sie beispielsweise gar nicht wissen, wie viele Arten es überhaupt auf der Erde gibt.

Gleichzeitig gibt es noch weitaus mehr wirbellose Tiere, die wir gar nicht im Blick haben, aber die etwa für die Böden, Gewässer und andere Lebensräume wichtig sind.