Szenario 3 Neo-Tribes

Der Rückzug ins Private

Nach der Coronakrise hat sich die globalisierte Gesellschaft wieder zurück zu
stärker lokalen Strukturen entwickelt. Es wird mehr Wert denn je auf regionale
Erzeugnisse gelegt, kleine Gemeinschaften entstehen neu und verfestigen
sich – immer in vorsichtiger Abgrenzung gegen die anderen. Nachhaltigkeit und
Wir-Kultur sind wichtige Werte, die aber nur lokal gedacht werden, nicht global.

→ Die Menschen vertrauen staatlichen Akteuren und supranationalen Bündnissen nicht mehr – und trauen ihnen auch keine Handlungsmacht mehr zu.

Die Abkehr von der globalen Weltgemeinschaft mündet in eine partikularisierte
Wir-Kultur und die vermehrte Bildung von Neo-Tribes. Gemeinschaft wird im Kleinen gesucht, denn im Zuge der Coronakrise ist der Trend zur Post-Individualisierung für eine breitere Masse attraktiv geworden.

→ Die Angst vor Ansteckung hat einen Rückzug ins Private und die Wiederentdeckung der Häuslichkeit befeuert.

Großveranstaltungen gibt es praktisch nicht mehr, dafür wird viel gestreamt, denn via Virtual Reality kann man an Mega-Events teilnehmen, ohne dabei das sichere Zuhause verlassen zu müssen. Nachbarschaftshilfe wird großgeschrieben, es existieren feste Strukturen, wie man sich im Krisenfall untereinander helfen kann.
Vorräte werden geteilt oder getauscht, auf die Alten und Schwachen wird besondere Rücksicht genommen. Auch ziehen Menschen vermehrt aufs Land oder in kleinere Städte – die Progressive Provinz hat ihren Peak erreicht.

→ Statt öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, wird immer mehr auf Fahrrad oder E-Roller umgestiegen.

Fernreisen haben stark an Attraktivität verloren – im Gegensatz
zu umliegenden Regionen oder Nachbarländern. Die massive De-Touristification führt dazu, dass sich ganze Landschaften und ehemalige Tourismus-Hotspots
vom Overtourism erholen. Reisen ist nicht mehr selbstverständlich, sondern wird – wieder – als etwas Besonderes gesehen, auch weil es in Post-Corona-Zeiten eine Menge Vorsichtsmaßnahmen und viel Planung erfordert. Tourismus wird noch mehr zum Resonanz-Tourismus.

→ Der Ausfall globaler Handelsketten und das Misstrauen gegenüber bestimmten Herkunftsländern führen zu einer fundamentalen Re-Regionalisierung.

Menschen kaufen mehr denn je lokal, die Sharing Economy gewinnt in
regionalen Netzwerken stark an Auftrieb, traditionelle Handwerkstechniken erleben eine Renaissance. Urban Farming und Genossenschaften lösen kapitalistische Konsummuster ab, in regionalen Gemeinschaften erwächst eine Circular Economy mit autonomen Ökosystemen. Konzepte wie Cradle to Cradle oder Postwachstum
sind selbstverständlich in den Alltag der Menschen eingebettet – als ebenso gewünschte wie notwendige Praktiken. Die Wirtschaft funktioniert im Regionalen
vollkommen autark.

→ Die Coronakrise hat sich als berraschender Treiber von New-Work-Trends hin zu mehr Flexicurity erwiesen:

Dadurch, dass Flexibilität am Arbeitsplatz aus der Not heraus breitflächig ermöglicht wurde, haben sich Arbeitskulturen dauerhaft verändert. Home Office ist nun essenzieller Bestandteil jeder Unternehmenskultur, internationale Unternehmen vereinbaren Meetings in VR-Konferenzen, Verträge werden via Blockchain geschlossen. Digital-Health-Anwendungen errechnen schon im Vorhinein das mögliche Risiko persönlicher Geschäftsmeetings – von denen aber ohnehin meist
abgeraten wird.