Traumata

Indikationen

Eine Indikation, die noch sehr kontrovers diskutiert wird, ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Es gibt eine ganze Menge Berichte laut denen Menschen mit einer PTBS (z.B. KriegsveteranInnen) zu Cannabis greifen, um ihre Symptomatik zu lindern (Bonn-Miller et al., 2020). Jetzt hat eine neue Studie von Bonn-Miller et al. (2021) untersucht, wie gut diese Praxis wirklich funktioniert.

Dafür haben 80 Menschen mit der Diagnose PTBS eine von vier verschiedenen Cannabissorten erhalten (1. hoher THC Gehalt, 2. hoher CBD Gehalt, 3. THC und CBD Gehalt ausgeglichen, 4. Placebo-Cannabis ohne CBD oder THC) die sie über 3 Wochen zu Hause konsumieren durften. Vorher und nachher wurden die Teilnehmenden nach der Stärke ihrer PTBS Symptomatik befragt. Die guten Nachrichten: Im Durchschnitt ging es den Teilnehmenden nach diesen 3 Wochen besser als vorher, d.h. ihre PTBS Symptomatik war signifikant reduziert. Ganz wichtig jedoch:

Es gab keine Unterschiede in der Stärke der Verbesserung zwischen den vier Versuchsgruppen. Also –  die Teilnehmenden, die Placebo-Cannabis geraucht haben (ohne psychoaktive Wirkstoffe), haben sich genauso verbessert wie die Teilnehmenden, die die anderen Cannabisvarianten geraucht haben! Außerdem hat fast die Hälfte der Teilnehmenden, die Placebo-Cannabis geraucht haben, selbst geglaubt, dass sie „richtiges“ Cannabis bekommen hätten. 

Was heißt das nun? Diese gut kontrollierte Studie gibt einen Hinweis darauf, dass Cannabis als Selbstmedikation vielleicht nicht über den Placebo Effekt hinausgeht. Das heißt nicht, dass die PTBS PatientInnen, die eine Verbesserung nach Cannabiskonsum berichten, sich nicht „wirklich“ besser fühlen. Stattdessen scheint es, dass diese Verbesserung vermutlich dem Placebo Effekt unterliegen. Also eine messbare Verbesserung – nur aus einem anderen Grund als angenommen!

Kiffen keine langfristige Hilfe bei traumatischen Erfahrungen

Manche Menschen, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, konsumieren Cannabis, um die Symptome zu lindern. Eine aktuelle Studie zeigt auf, dass Cannabis langfristig vermutlich keine Hilfe ist.

Plötzlich ist alles wieder da. Ein bestimmtes Geräusch oder ein Geruch kann genügen und die Bilder und Gefühle von damals sind zurück. Menschen, die etwas Schreckliches erlebt haben, können diese Erfahrungen manchmal nur schwer verarbeiten. Sehr belastende Erlebnisse wie schwere Unfälle oder Gewalterfahrungen werden in der Psychologie als Trauma bezeichnet. Einige Menschen entwickeln in Folge einer traumatischen Erfahrung eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS.

Typisch für diese Störung ist, dass einen das Erlebte nicht loslässt. Belastende Erinnerungen an die traumatische Erfahrung drängen immer wieder ins Bewusstsein. Dabei kann es auch zu „Flashbacks“ kommen, bei denen die Betroffenen das Gefühl haben, das traumatische Ereignis noch einmal zu durchleben. Betroffene reagieren auch stark auf Reize, die an das Erlebte erinnern und vermeiden Situationen, die mit dem Erlebten in Verbindung stehen.

Für die Behandlung einer PTSB stehen verschiedene psychotherapeutische Verfahren zur Verfügung. Manche der Betroffenen greifen auch zu Cannabis als Medizin, um die Symptome einer PTSB zu lindern. Allerdings gilt die Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen mit Cannabis als noch nicht ausreichend erforscht. Ein Forschungsteam aus den USA ist in einer aktuellen Studie daher der Frage nachgegangen, wie sich die Symptome der Störung kurzfristig und langfristig verändern, wenn Betroffene Cannabis rauchen.

Kiffen schwächt Symptome nur vorübergehend

Das Team um Studienleiterin Carrie Cuttler untersuchte anonyme Daten von insgesamt 404 Personen, die nach eigenen Angaben an einer posttraumatischen Belastungsstörung litten und ihre Symptome mit Cannabis behandelten. Jedes Mal, wenn sie kifften, hielten die Betroffenen in einer speziellen App fest, wie stark die Symptome unmittelbar vor und nach dem Kiffen waren.

Teilnehmende nutzten die App innerhalb von 31 Monaten insgesamt rund 12.000-mal. Den Ergebnissen zufolge reduzierte sich die Stärke der Symptome einer PTSB unmittelbar nach dem Kiffen durchschnittlich um mehr als 50 Prozent. Der lindernde Effekt sei jedoch nur vorübergehend. Eine langfristige Reduzierung der belastenden Symptome konnte nicht beobachtet werden. War die Wirkung des Cannabis abgeklungen, schienen sich die Betroffenen wieder genauso zu fühlen wie vor dem Kiffen.

Risiko der Entwicklung einer Cannabisabhängigkeit

Zudem haben einige der Teilnehmenden der Studie über die Zeit immer mehr Cannabis pro Konsumsituation geraucht. Dies spreche dafür, dass die Betroffenen eine Toleranz gegenüber der Wirkung der Droge entwickelt haben. Damit verbunden sei auch das Risiko einer Cannabisabhängigkeit.

Das Forschungsteam schlussfolgert, dass Cannabis bei einer posttraumatischen Belastungsstörung zwar kurzfristig Linderung verschaffen könne, langfristig aber ineffektiv sei.

Zudem habe es auch teils große Unterschiede zwischen den Betroffenen gegeben. Cannabis scheint somit nicht bei allen Betroffenen in der gleichen Weise die Symptome einer PTSB zu reduzieren.