Verglichen zur Flachsproduktion war der Anbau von Hanf stärker

Weil Hanffasern gegenüber Nässe dauerhafter als alle anderen pflanzlichen Fasern sind, wurden sie für Segeltuch, Zwilch, Fischernetze, Seilerwaren, Bindfäden und Dichtungsmaterial allen anderen vorgezogen.

Hanf und Flachs waren doppelt nutzbar: Neben den wertvollen Fasern konnten gleichzeitig die Samen vielfach verwendet werden. Hanf- und Leinsamen, dem Brei oder anderen Speisen beigefügt, bereicherten die Nahrung mit lebenswichtigen Eiweissen und Fetten und dienten auch als Medizin und Hausmittel.

Das Öl wurde ausser als Speiseöl auch als Leuchtöl nebst Talg, Wachs) verwendet und bildete den Grundstoff für zahlreiche weitere Substanzen, die im Maler und
Bauhandwerk vielseitige Verwendung fanden.

Als Rauschmittel spielte Hanf primär die Hüllblätter der weiblichen Früchte) bis um 1800 keine Rolle; jedenfalls konnten in schriftlichen Quellen keine Hinweise gefunden werden.

1788 schrieb Halle, dass «die Morgenländer […] daraus Opiatspeisen» bereiteten
und «die Bewohner Asiens [sich damit] angenehme Träume» verschafften,
während in Deutschland die Herstellung von Hanfleinwand, Seilerwaren und
Segeltuch die gewohnten Nutzungsarten waren.

Aus den Rechnungsbüchern des Basler Spitals konnten für die Mitte des 15. Jahrhunderts einzelne Arbeitsgänge – der ersten Produktionsphase – von der Aussaat des Hanfs bis zum spinnfertigen Werg erschlossen werden: Verbucht wurden Lohnausgaben für das Zetten von Mist «im hanff», für die Ernte von Samen und Stengel, also das «hanff samen abzenemen» und «hanff uss ziehen», für «werch ze blùwen» das heisst für das Brechen, Bleuen, Stampfen oder
Pochen der Hanffasern und schliesslich für das Hecheln von Werg.

Für alle diese Arbeiten wurden überwiegend Frauen entlöhnt, und zumeist erledigten ausschliesslich weibliche Personen die Arbeiten von der Aussaat des Hanfs bis zum Spinnen des fertigen Garns.

Zum Rösten oder «roosen» der getrockneten Hanf- und Flachsstengel wurden diese – in Bündeln gebunden und mit Steinen beschwert – in fliessenden Gewässern, Wassergruben, Tümpeln und Seen eingelegt. Durch den Vergärungs und Fäulnisprozess lösten sich die Rinden- und Holzteile vom faserigen Bast. Bei der einfacheren Tauröste wurden die Pflanzenstengel auf einer frisch gemähten Wiese flach ausgelegt, doch lieferte die Wasserröste bessere Resultate. Bevor die verholzte Umhüllung der Bastfasern mit Hilfe von Brechen, «Rätschen» entfernt werden konnten, mussten die Stengel wieder getrocknet werden.

Anschliessend klopften die Arbeiterinnen sie von Hand oder in der wasserbetriebenen Bleue, Stampfe oder Reibe mechanisch zu «Werg» Mit Hilfe weiterer Geräte Schwingstock, Hechel) mussten die Rohfasern noch von allen restlichen Holzteilen gereinigt und sortiert werden, bis sie schliesslich zu Garn gesponnen werden konnten.

In der Nordostschweiz, wo hauptsächlich für die Textilindustrie produziert wurde, und auch im zürcherischen Unterland zogen die Bäuerinnen den rohen Flachs oder Werg abschliessend durch zwei Hecheln. Der in der gröberen Hechel zurückbleibende Teil wurde «Kuder» genannt, beim zweiten Durchgang blieb «Abwerch» in der «Lauterhechel» hängen. Der reine Flachs – auch Riste genannt – ergab die Garne erster Qualität. Aus Kuder und Abwerch liessen sich noch Garne zweiter und dritter Qualität herstellen, die meist für den Hausgebrauch gesponnen und gewoben wurden, «und [sie] ersezen den Hanf, der nur in sehr geringem Quantum, an den meisten Orten gar nicht, gebaut wird»

Im Vergleich zur Flachsproduktion war der Anbau von Hanf stärker auf die Selbstversorgung der kleinbäuerlichen Familienhaushalte ausgerichtet und auf die Herstellung der gröberen Stoffe von Bett- und Tischzeug oder von Säcken. Hanfleinwand liess sich zudem nicht leicht hell bleichen; sie lieferte die weniger edle, jedoch festere Qualität und galt gemeinhin als «Leinwand der Armen»

Die Fischer und teilweise spezialisierte Netzmacher verarbeiteten mit Sicherheit ausschliesslich den für ihre Zwecke besser geeigneten Hanfbast. Zwischen Fischern und Hanfbauern oder -bäuerinnen konnten aber auch ernsthafte Konflikte entstehen, nämlich dann, wenn der Hanf zum Rösten in ein Fischgewässer gelegt wurde oder das Wasser aus einer «Roos» in einen Fischteich gelangte. Der Röstprozess zehrte Sauerstoff und das stinkende, faulige Wasser führte zu Fischsterben. Wiederholt wurde die Wasserröste in Fliessgewässern auch mit obrigkeitlichen Mandaten verboten.

Die verschiedenen Arbeitsgänge nach der Ernte unterschieden sich beim Hanf und Flachs nur wenig, waren arbeitsintensiv und langwierig. Der Arbeitsaufwand für eine Person zur Aufbereitung von einer Juchart Hanf bis zum spinnfertigen Garn wurde in der Fachliteratur auf etwa 100 Tage geschätzt.

Die Zahl der Arbeitskräfte, besonders der weiblichen in einem Familienhaushalt, der Familienzyklus und der verfügbare Landbesitz waren ausschlaggebend dafür, ob Flachs und Hanf nur gerade für die Selbstversorgung oder auch für den Markt produziert werden konnte. Historiker und Historikerinnen analysieren und beschreiben deshalb den Anbau und die Weiterverarbeitung der beiden Pflanzen je nach Sichtweise und Wertung als Hauswerk ganz auf die Selbstversorgung ausgerichtet, als agrarisches Nebengewerbe Erwerb eines Zusatzeinkommens oder als textilgewerbliche Heimarbeit Haupt- und Nebenerwerb.