Walfang in Europa

Das Schlachten auf dem Meer geht weiter

Früher war mehr Wal. Das gilt für die Ozeane genauso wie für den Speiseplan der Norweger. In Europas letztem kommerziellen Walfangland landen die getöteten Meeressäuger deshalb inzwischen im Hundenapf.
Kein Protest konnte sie bisher stoppen, auch kein internationales Verbot: Jedes Jahr stechen die norwegischen Walfänger wieder in See. An Bord haben sie Gummistiefel, Ortungssysteme und eine Harpune, die mit Sprengstoff bestückt ist.

Kaum noch Appetit auf Wal

Doch während die Schlachtmengen steigen, sinkt der Appetit auf Walfleisch und -speck in der norwegischen Bevölkerung. Das zeigt zumindest eine repräsentative Umfrage von WDC und einigen anderen Naturschutzorganisationen.

Norwegens Regierung sieht das anders – die Produkte des «Hvalfangst», wie der Walfang dort heißt, seien weiterhin stark nachgefragt.

Tierfutter statt Delikatesse

«Seit Jahren versucht die norwegische Regierung, den Walfang profitabel zu machen, indem sie Subventionen für seine Förderung gewährt. Dass es außerdem ein internationale Walfangverbot gibt, scheint die Regierung in Oslo ebenso wenig zu kümmern.

Riesige Schlupflöcher bei Jagdverbot

Doch das Moratorium der Internationalen Walfangkommission gilt nicht für Mitgliedsstaaten, die dagegen Einspruch erhoben oder Vorbehalte angemerkt haben. Aktuell ist das allein Norwegen, nachdem Island die Jagd aus wirtschaftlichen Gründen ausgesetzt hat.
Dass die norwegischen Wal-Trawler durch ihr Veto ganz legal unterwegs sind, liegt an der Geschichte der IWC.

Kein Schutz für Delfine

So wird illegaler Walfang – wie ihn Japan seit Austritt aus der Kommission 2019 betreibt – nicht sanktioniert. Das Moratorium selbst ist kein permanentes Verbot, sondern muss immer wieder neu verhandelt werden.

«Die Internationale Walfangkommission ist nicht fit für die Zukunft», heißt es von der Meeresschutzorganisation Ocean Care. Dort befürchtet man, dass weiterhin die Walfangländer den Ton angeben könnten. «Während das Walfanglager klare Vorstellungen für die Zukunft der IWC hat, vermisst man eine europäische Vision für den internationalen Walschutz und ambitionierte diplomatische Initiativen», so Fabienne McLellan, Leiterin des Programms zur Einstellung der Waljagd bei Ocean Care.

Es fehlt an Geld und Weitsicht

Neben einer Aufrechterhaltung des Moratoriums hofft sie auf bessere Schutzmaßnahmen für die weltweiten Walpopulationen, die auch zunehmend darunter litten, dass giftige Chemikalien die Meere verschmutzen, es in den Ozeanen bald mehr Plastikmüll als Fisch gibt und die Erderhitzung einige Meeresregionen für Wale unbewohnbar machen. Vor allem mangele es an einem «stabilen und ambitionierten Budget» für den Walschutz der IWC, kritisiert Ocean Care. Dabei sei mehr Geld für Schutzmaßnahmen nicht nur im Interesse der Wale, sondern helfe gleichzeitig, die Klimakrise zu stoppen.

Wale könnten Erderhitzung verlangsamen

«Es ist eine bittere Ironie, dass die größte Gefahr für die Erholung der Waltierbestände heute der Klimawandel ist – genau jene Bedrohung, zu deren Eindämmung sie beitragen könnten», sagt McLellan. Tatsächlich können Wale – ähnlich wie Wälder und Moore – als natürliche Klimaschützer zählen. Ganz ohne Technik oder teure Investitionen speichern sie riesige Mengen CO2 in ihren Körpern. Laut einer Studie des Internationalen Währungsfonds kann ein einziger Wal bis zu 33 Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases aufnehmen. Zum Vergleich: Ein Baum absorbiert pro Jahr nur rund 22 Kilogramm CO2. Und die Meeressäuger tun noch mehr für den Planeten.
Ihre Ausscheidungen fördern das Wachstum von Phytoplankton. Diese winzigen Pflanzen leben in den oberen Wasserschichten der Ozeane und produzieren dort mehr als die Hälfte des weltweiten Sauerstoffs. Dabei nehmen sie knapp 40 Prozent des globalen CO2 auf – so viel wie 1,7 Billionen Bäume. 18 Mal mehr als alle Bäume in Deutschland.

Tausende tote Wale bis zum nächsten Treffen

Dass die Wale nicht besser geschützt werden, ist für Astrid Fuchs von Whale and Dolphin Conservation Deutschland daher nicht nur ein Tierschutzskandal: «Wale sind unsere Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel. Ihre mutwillige Schlachtung ohne Sinn und Verstand ist eine Geste der Achtlosigkeit gegenüber den kleinen Inselstaaten und Ländern, die schon jetzt massiv vom Klimawandel betroffen sind».
Bereits seit zwei Jahren ist die Internationale Walfangkommission, an der auch Astrid Fuchs regelmäßig teilnimmt, wegen der Corona-Pandemie nun nicht mehr zusammengekommen. Das nächste Treffen ist für September 2022 angesetzt. Tausende zerlegte Groß- und Kleinwale später als ursprünglich geplant.