Wie der Eisbär auf die Arche kam

Das Märchen von der Arche Noah

Zurzeit ist die Vorstellung, man könne in der Natur bedrohte Lebewesen dadurch retten, dass man sie in Reservaten oder Zoos hält und züchtet, besonders widersinnig virulent. Seit sich die Meldungen über die schmelzenden Eismassen an den Polen häufen und durch Satellitenfotos anschaulich belegen lassen, hat man mit dem Eisbären auch gleich ein Tier gefunden, an dem sich die Auswirkungen des schwindenden Eises auf Lebewesen zeigen lassen. Eisbären sind mit den Eisbergen zum Symbol für die Gefahren der Erderwärmung zusammengeschrumpft. Knut konnte nämlich nur in die Medienmmaschine eingespeist werden, weil man ihn sozusagen humanisierte.

Die Humanisierung der Natur ist aber der Grund, der das Verhältnis von Mensch und Natur in jene Krisen geführt hat, die in den zwanziger Jahren die moderne Umweltforschung sowie die Verhaltensbiologie entstehen ließen beziehungsweise notwendig machten. Die Gründungstexte der Umweltforschung führen nämlich zuerst eine Trennung zwischen menschlichen und tierischen Umweltwahrnehmungen ein. «Zweifellos besteht überall ein grundsätzlicher Gegensatz zwischen der Umgebung, die wir Menschen um die Tiere ausgebreitet sehen, und den von ihnen selbst aufgebauten und mit ihren Merkdingen erfüllten Umwelten», schreibt Jacob von Uexküll, einer der Pioniere der modernen Ökologie, in den «Streifzügen durch die Umwelten von Tieren und Menschen», seinem Hauptwerk. Aus dem Zitat spricht einerseits eine radikale Enthumanisierung der Natur, weil sie die Umwelten von Mensch und Tier nicht nur trennt, sondern in einen Gegensatz setzt.

Auf dieser Grundlage wird der Fall Knut und auch der jetzt im Nürnberger Zoo aufgetretene vergleichbare Vorfall einer Eisbärenmutter, die ihr neugeborenes Baby schlecht behandelte, zu einem klassischen Beispiel für einen Rückfall hinter einen Erkenntnisstand, der schon man schon einmal gesicherter war. Alles was jetzt mit den Eisbären passierte, war längst bekannt und mit seinen Ursachen und möglichen Prophylaxen beschrieben. Hediger beschreibt in dem Buch auch Fälle von Kindstötungen und Kindesmisshandlungen durch die Mütter der Neugeborenen. Kindstötungen fand Hediger dabei im Zoo vor allem bei größeren Landsäugetieren wie Leoparden, Löwen, Tigern, Pumas und Braunbären.

Als Grund für die Tötungen sah Hediger zuerst Störungen wie «ganz gewöhnlichen Lärm, wie er von Maschinen, zuschlagenden Türen oder unruhigen Menschen verursacht wird». Einfach weil wegen des dadurch entfachten Medieninteresses – und das wird nach dem Ereignis Knut bestimmt nicht geringer – von Geborgenheit und der damit verbundenen Ruhe sicher nicht mehr die Rede sein kann. Davon aber mal abgesehen, zeigt sich in der Ankündigungs- und Zurschaustellungspraxis der Zoos selbst eine Kapitulation vor ihrem eigenen Anspruch, auch didaktisch auf die Bevölkerung wirken zu wollen. Furore machen bei Medien und Besuchern in der Regel nur solche Tier, die sowieso schon im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, wie Elefanten, Giraffen, Löwen, Tiger und Eisbären.

Große Tiere also. Didaktisch wäre es also sinnvoll, die Aufmerksamkeit gerade auf diese Tiere zu lenken und nicht auf das, was immer schon angesehen wurde.

Wer einen Eisbär im Zoo sicher vor dem Aussterben aufgehoben weiß, muss sich keine Gedanken mehr darüber machen, warum Eisbären in ihren Lebensräumen bedroht sein könnten und man muss sich auch nicht mehr fragen, was ein Eisbär oder ein beliebiges anderes Tier ist. Genauso wenig müssen sich die Robben im Nachbarschwimmbad im Zoo vor Eisbären vorsehen. Ein solches Tier muss auch nicht nach Raumnutzungsstrategien suchen, mit denen es seinen Fressfeinden ausweichen kann. Es gibt nicht einmal mehr einen Grund, wie im Dschungel nach einem anderen früchtetragenden Baum zu suchen, wenn der, an dem man gerade frisst, abgeerntet ist.

Für die räumliche Verblödung von Tieren im immergleichen Käfig spricht auch die Erfahrung aus einigen erfolgreichen Auswilderungsversuchen. Das Hauptproblem bestand selbst bei Affen, deren Zoohaltung sich im Unterschied zu Löwen, Tigern oder Eisbären in den letzten Jahrzehnten um Potenzen verbessert hat, darin, ihnen erst die Umgebung in ihrer Wechselhaftigkeit zu zeigen und ihnen dann die Furcht vor Feinden wieder beizubringen. Mit der Gleichschaltung der Umgebung im Zoo werden aber nicht nur Tiere verblödet, es wird der allgemeine Mechanismus der Evolution, die tägliche Auseinandersetzung mit veränderten Räumen, klimatischen Bedingungen und Freunden wie Feinden außer Kraft gesetzt, der erst die Artenvielfalt hervorgebracht hat.